Pflastersteine, Quelle: oneworld

Themenspecial: NATURSTEINE BEWUSST KAUFEN

Ob Marmor, Granit, Sandstein, Kalkstein oder Schiefer - Natursteine finden in unterschiedlichster Ausprägung und Qualität vielseitige Verwendung in öffentlichen sowie privaten Bereichen.

Sie begegnen uns im Alltag in Form von Pflastersteinen, Denkmälern, Bodenfliesen, Treppen, Terrassen, Wandverkleidungen, Tischplatten, Arbeitsplatten, als Dekorsteine, Säulen, Skulpturen und Kunstgegenstände bis hin zu Grabsteinen und Grabeinfassungen. Ihr Einsatz ist für uns so selbstverständlich wie der von Holz, Glas oder Metall. Vor allem Granite haben wegen ihrer hohen Widerstandskraft, Härte und Wetterfestigkeit so wie wegen ihrer guten Schleifbarkeit und Polierbarkeit eine große wirtschaftliche Bedeutung. Das Angebot an Natursteinen ist dementsprechend weitreichend und nahezu jede Nachfrage kann befriedigt werden. Was viele nicht wissen: die Steine stammen zum Großteil aus Asien, wo sie zum Teil unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert werden.

Herkunft der Steine

Potentielle Umweltauswirkungen

Arbeitsbedingungen in indischen Steinbrüchen

Kinderarbeit und Armut

Ausblick

Interview mit XertifiX

Interview mit SÜDWIND

Herkunft der Steine

Die Liste der Herkunftsländer von Natursteinen ist lang und reicht von Afghanistan bis Zimbabwe. Die weltweit größten Produzenten von Marmor und Granit sind jedoch China und Indien. Rund 20 % aller weltweit gewonnen Steine werden in Indien abgebaut (Südwind 2007). Der Großteil der dort produzierten Marmor- und Granitsteine ist für den Export bestimmt. Beide Länder zählen zu den Hauptexporteuren der Steineindustrie. Auch der Großteil der in Europa verbauten Natursteine kommt derzeit vor allem aus diesen Ländern. Die Hauptabsatzländer sind Italien und Deutschland, aber auch Österreich importiert Steine aus Asien. Laut Südwind (2008) stammt rund ein Drittel des in Österreich angebotenen Granits sowie jeder vierte neu aufgestellte Grabstein, aus Indien.

Leider kann man als EndverbraucherIn meist nicht nachvollziehen, woher die Steinprodukte stammen. „Viele Leute wissen gar nicht, dass die gerade gekaufte Arbeitsplatte aus Asien stammt“, sagt Saskia Stohrer von WiN=WiN (Fair Stone).

Trotz der weiten Transportwege sind sie billiger als heimische Steine. Laut XertifiX-Geschäftsführer Walter Schmidt sind zum Beispiel Grabsteine auf heimischen Märkten um 50 % billiger, wenn sie aus Indien stammen. Auch Granit aus China ist bei uns nur halb so teuer wie österreichischer Granit, erklärt Rudolf Schwingenschlögl vom BOKU-Institut für Angewandte Geologie. Wie kann das sein?

Zum einen hängt das an den relativ günstigen Frachtkosten. Schwere Schiffsladungen sind für Frachthändler von Vorteil im Vergleich zu leichten (z.B. Spielzeug), da sie die Schiffe besser manövrierbar machen. Der Transport von Steinen ist daher begünstigt. Der niedrige Preis geht jedoch vielfach auch zu Lasten der SteinbrucharbeiterInnen und der Umwelt.

Potentielle Umweltauswirkungen

Der Abbau von Natursteinen in Steinbrüchen kann potentiell große Konsequenzen für Umwelt und Ökosysteme mit sich bringen. Die möglichen Auswirkungen betreffen sowohl Boden, Wasser, Luft als auch die umliegende Vegetation und Landschaft. In Steinbrucharealen werden Boden und Gestein abgetragen und durch Löcher mit zum Teil riesigem Ausmaß ersetzt. Die Effekte können unterschiedlich stark sein, abhängig von einer Vielzahl an verschiedenen Faktoren. Berücksichtig werden müssen außerdem die Lärmbelastung, die Vibrationen, der Staub und der Verkehr von und zu den Steinbrüchen.

Österreichische Steinbruchbetreiber müssen daher eine Vielzahl an Regelungen betreffend Naturschutz, Raumordnung, Gewerbeordnung etc. berücksichtigen. So zum Beispiel wird von der jeweiligen Bezirkshauptmannschaft evaluiert, in welchem Umfang ein Steinbruch rekultiviert werden muss. Es werden die Luftqualitäten überprüft und abgetragene Humusschichten werden zwischengelagert und für Rekultivierung wieder verwendet. Diese Auflagen sind mit Kosten verbunden, die sich ebenso im Verkaufspreis der heimischen Natursteinprodukte niederschlagen.

Arbeitsbedingungen in indischen Steinbrüchen

In indischen Steinbrüchen arbeiten mehr als eine Million Frauen und Männer für Arbeiten in der Pflaster-, Grab- und Steinproduktion. Obwohl die indische Gesetzgebung über 35 Rechte und Vorschriften zum Schutz der SteinbrucharbeiterInnen vorsieht, sind fragwürdige Arbeitsbedingungen und oft auch systematische Ausbeutung traurige Realität. Die ArbeiterInnen verrichten täglich oft mehr als zwölf Stunden schwere körperliche Arbeit. Die wenigsten von ihnen verfügen über schriftliche Arbeitsverträge. Die Löhne sind extrem niedrig und liegen für einfache Arbeiten bei ca. 1 Euro pro Tag, da die gesetzlich verankerten Mindestlöhne nur wenig Beachtung finden.

Unzureichendes Trinkwasser, fehlende medizinische Versorgung und mangelhafte Unterbringung führen zu einer hohen gesundheitlichen Belastung. Die Lebenserwartung der SteinbrucharbeiterInnen liegt bei nur 40 Jahren, rund 25 Jahre unter dem indischen Durchschnitt.

Aufgrund fehlender Bildung und mangels Kenntnis über die Möglichkeiten der Selbstorganisation ist es der Mehrheit der SteinbrucharbeiterInnen nicht möglich, menschenwürdigere Arbeits- und Lebensbedingungen aus eigener Kraft durchzusetzen.

Kinderarbeit und Armut

Die indische Verfassung schreibt vor, dass „kein Kind unter 14 Jahren in einer Fabrik oder einem Bergwerk arbeiten oder sonst eine für sich gefährliche Arbeit verrichten soll“. Dennoch sind Berichten zufolge immer wieder auch Kinder unter 18 Jahren bei der Schwerstarbeit in Steinbrüchen anzutreffen (Hauff, 2008). Sie klopfen Steine ohne Mundschutz, sind nur mangelhaft bekleidet und noch schlechter bezahlt als erwachsene ArbeiterInnen. Obwohl sie im schulpflichtigen Alter sind, haben die meisten von ihnen noch nie eine Schule besucht. Wie viele Kinder genau in den Marmor-, Sand- und Granitsteinbrüchen Indiens Felsblöcke brechen, ist nicht bekannt. Schätzungen gehen von 100.000 und mehr aus.

Die wichtigste Ursache für Kinderarbeit ist die Armut der Eltern. Der Mangel an Arbeitsplätzen mit einem Einkommen, das die Existenz von indischen Familien sichert, zwingt die Eltern nicht nur dazu, selbst Arbeiten unter unzumutbaren Bedingungen aufzunehmen, sondern auch ihre Kinder zur Arbeit zu schicken, um ihr Überleben zu sichern. Nicht selten müssen Kinder auch Schulden ihrer Eltern bei den Steinbruchbesitzern abarbeiten. Die Kinderarbeit führt umgekehrt aber auch zu einem erhöhten Angebot an billigen Arbeitskräften und damit zu niedrigen Löhnen. Die Kinderarbeit ist also auch eine Ursache für die Elternarmut. Kinderarbeit in indischen Steinbrüchen (und anderen Wirtschaftszweigen) steht aber auch in direktem Zusammenhang mit dem Problem der Schuldknechtschaft.

Erschwerte Kontrollen: Die Steinvorkommen sind auf viele Bundesstaaten und auf sehr große Flächen verteilt. Nach den Angaben des Verbandes indischer Natursteinhersteller (Center for Development of Stones - CDOS) werden in neun Bundesstaaten Natursteine abgebaut und es gibt in 13 Bundesstaaten nennenswerte Granitvorkommen. Dies erschwert die Kontrolle und Umsetzung der indischen Umwelt- und Arbeitsschutzgesetze. Selbst wenn die Zahl der exportorientierten Steinbrüche bzw. Unternehmen der Verarbeitung deutlich kleiner ist, gibt es auch hier Probleme einer flächendeckenden Kontrolle, da die Steinbrüche und die verarbeitenden Unternehmen im Prinzip über große Teile des Subkontinents verteilt sind.

Heimische Produkte wählen

Wer auf Nummer sicher gehen will, vermeidet jedenfalls Billigstangebote und greift stattdessen auf Steine aus österreichischer Erzeugung, wie zum Beispiel Granite aus dem Wald- und Mühlviertel oder Untersberger und Adneter Marmor, zurück. Auch aus ökologischer Sicht empfiehlt sich die Verwendung österreichischer Natursteine: Durch die viel kürzeren Transportwege und die Einhaltung der hier geltenden Umweltauflagen trägt der Kauf heimischer Produkte gleichzeitig zur Verbesserung der Ökobilanz bei und sichert wertvolle Arbeitsplätze im eigenen Land. Eine große Palette an Österreichischen Natursteinprodukten finden Sie auf der Seite von pronaturstein.at.

Auf Labels achten

Folgende Labels garantieren Steine aus sozial- und umweltverträglicher Erzeugung:

XertifiX: Der Verein XertifiX wurde im Jahr 2005 in Deutschland gegründet, mit dem Ziel, Steine aus Indien zu kennzeichnen, die garantiert ohne Kinder- und Sklavenarbeit hergestellt worden sind. Seit der Gründung engagiert sich Xertifix für die Abschaffung ausbeuterischer Arbeitsverhältnisse bei gleichzeitiger Förderung von schulischer und beruflicher Bildung. Außerdem betreibt XertifiX Öffentlichkeitsarbeit zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit für sozialverträglich hergestellte Produkte. XertifiX garantiert, dass bei der Produktion keine Kinderarbeit passiert und, dass die ArbeiterInnen einen fairen Lohn bekommen. Die folgenden aufgeführten Kriterien gelten als Mindeststandards:

  1. Keine Beschäftigung von Kindern im Sinne der ILO Konvention Nr. 182 (ausbeuterische Kinderarbeit) und Sklavenarbeitern
  2. Zahlung von wenigstens den gesetzlichen Mindestlöhnen an die erwachsenen ArbeiterInnen
  3. Sicherstellung grundlegender Arbeitsschutzmaßnahmen
  4. Freies Zugangsrecht zu Gewerkschaften
  5. Offenlegung der Aufträge gegenüber XertifiX e.V. und XertifiX India im Produktionsland
  6. Akzeptieren von unangekündigten Kontrollen zu jeder Zeit

Heute hat Xertifix 13 Lizenznehmer in Deutschland (11), Österreich (1) und der Schweiz (1). Steine mit dem XertifiX-Siegel sind bei 17 Händlern zu beziehen. Die österreichische Bezugsadresse für XertifiX-Steine ist die Firma Stein & Co Handels-GesmbH. Die gesamte Händlerliste ist unter http://www.xertifix.de/handel/haendlerliste.shtml?lang=de abrufbar.

Fair Stone: Fair Stone ist ein internationaler Umwelt- und Sozialstandard für Natursteinimporte aus Entwicklungs- und Schwellenländern. Ziel ist die Verbesserung von Arbeitsbedingungen in Steinbrüchen und weiterverarbeitenden Betrieben. Damit unterstützt Fair Stone Forderungen von Kunden, Medien und der Zivilgesellschaft nach angemessenen Bedingungen in Produktion und Einkauf und fördert einen nachhaltigen und fairen Handel in der globalen Natursteinbranche. Unter Sozial- und Umweltstandard wird ein Verhaltenskodex beschrieben, an dem sich die Betriebe orientieren, wenn sie internationale Normen und die lokalen Gesetze in der Beschäftigung einhalten wollen.

Unter anderem werden folgende Übereinkommen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) im Fair Stone Umwelt- und Sozialstandard berücksichtigt:

  1. Übereinkommen gegen ausbeuterische Kinderarbeit
  2. Übereinkommen über das Mindestalter für die Zulassung zur Beschäftigung
  3. Abschaffung der Zwangsarbeit
  4. Übereinkommen für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz
  5. Übereinkommen zum Schutz der Arbeitnehmer vor Luftverunreinigung, Lärm, Vibrationen
  6. Übereinkommen über den Umgang mit Chemikalien

Insgesamt 28 Partner, Händler und Importeure in China, Indien, Vietnam und der Türkei haben bereits begonnen, die Fair Stone Kriterien umzusetzen. Fair Stone Partner zahlen 4000 € Jahresgebühr, unabhängig von der Importmenge. Laut Stohrer werden bisher die höheren Kosten noch nicht an die EndverbraucherInnen weiter gegeben, da die Bereitschaft für zertifizierte Steine einen höheren Preis zu bezahlen noch sehr gering ist. „Bei der Kaufentscheidung zählt letztenendes dann doch der Preis,“ so Stohrer, „die KonsumentInnen sind noch nicht bereit mehr zu bezahlen“.

In Österreich gibt es derzeit noch keine FairStone Partner und das Interesse scheint dahingehend auch nicht allzu groß zu sein, erklärt Saskia Stohrer von WiN=WiN.

EU-Umweltzeichen „EU-Blume“: Natursteinbodenbeläge, die mit der EU-Blume gekennzeichnet sind, weisen geringere Umweltbelastungen auf als Produkte mit vergleichbarem Anwendungsprofil. Es wird nicht die nur Reduktion der Umweltbelastungen während des gesamten Lebenszyklus angestrebt, sondern auch die Gebrauchstauglichkeit des Produktes berücksichtigt.

Die EU-Blume steht für folgende Kriterien:

1. Beschränkung des Wasser- und Energieverbrauchs bei der Herstellung

2. Minimierung der Rückstände von gesundheits- und umweltschädlichen Substanzen

3. Minimierung von Emissionen (Wasser & Luft)

4. Die Produkte sind mit Abfall- und Entsorgungshinweisen versehen

Ausblick

Je öfter verantwortungsbewusste KonsumentInnen beim Steineeinkauf die Herkunft, sowie ökologische und soziale Kriterien beachten und nach den entsprechenden Kennzeichnungen fragen, umso eher werden sich Umwelt- und Sozialstandards bzw. Produkte mit nachhaltigem Mehrwert durchsetzen. In China wurden bereits einige Steinbrüche aus Naturschutzgründen geschlossen, so Stohrer von Fair Stone. Die Forderung nach qualitativ hochwertigen, fair und umweltschonend produzierten Natursteinprodukten setzt jedoch die Bereitschaft aller voraus, dafür auch die höheren Kosten in Kauf zu nehmen.

Quellen:

Hauff, M. (2008): Kinderarbeit in Steinbrüchen und Naturstein verarbeitenden Unternehmen - Ihre Einordnung in Sozial- und Umweltstandards; Technische Universität Kaiserslautern Kaiserslautern im Auftrag von WiN=WiN.

Hütz-Adam, F. (2007): Missstände in chinesischen und indischen Steinbrüchen: Was können Kommunen dagegen tun? Ein Leitfaden für Verwaltungen und Nichtregierungsorgansiationen, Hrsg: Südwind e.V.

Hütz-Adams, F. (2006): Indien: Kinderarbeit in der Steineindustrie. Schöne Steine im Sonderangebot – Wer zahlt den Preis? Hrsg: Südwind e.V.

Südwind: www.suedwind-agentur.at/start.asp?ID=225559

MISEREOR: Indien - Leben im Steinbruch. Unterstützung für Steinbruch- und Minenarbeiterfamilien in Rajasthan. Projektbericht 2009.MISEREOR-Nr.: P 32102

WIKIPEDIA: de.wikipedia.org/wiki/Kinderarbeit

Weiterführende Links:

Europäisches Umweltzeichen

Fair Stone

Südwind

WIN--WIN

XertifiX

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