"Mittlerweile gibt es wenig, was mich noch überrascht"
Interview mit Felicitas Schneider, Expertin für Lebensmittelabfälle am Institut für Abfallwirtschaft der Universität für Bodenkultur Wien (ÖGUT für bewusstkaufen.at) am 26.07.2011
bewusstkaufen.at: Frau Schneider, was zählt zu den Lebensmitteln, die in Österreich im Abfall landen?
Schneider: Wir finden bei unseren Analysen eigentlich alle denkbaren Produktgruppen, das reicht von Obst und Gemüse über Brot, über Fertiggerichte, Süßigkeiten, Selbstgekochtes, bis zu Getränken, die nicht fertig getrunken werden. Man findet billige, preislich günstige Produkte genauso wie Bioqualität, die im ab Hof Verkauf oder im Biogeschäft gekauft wurden, also eher die hochpreisigen Produkte.
bewusstkaufen.at: Sie haben in Ihren Untersuchungen mehrfach Restmüllanalysen durchgeführt, was überrascht Sie bei diesen Analysen am meisten?
Schneider: Mittlerweile gibt es wenig, was mich noch überraschen kann. Was aber von der wissenschaftlichen Seite her interessant ist, ist, dass Produkte wirklich auch ungeöffnet weggeworfen werden, bei denen man von außen nicht erkennen kann, dass diese irgendwie Schaden genommen hätten oder das Mindesthaltbarkeitsdatum noch in weiter Ferne liegt. Dabei überlegt man sich dann schon, welche Gründe dahinter stehen, dass diese Lebensmittel im Haushalt entsorgt werden.
bewusstkaufen.at: Wie groß ist die Menge an Lebensmitteln, die ein Österreicher oder eine Österreicherin im Jahr durchschnittlich wegwirft?
Schneider: Aufgrund unserer Analysen haben wir berechnet, dass pro Jahr ca. 83.000 - 166.000 Tonnen an Lebensmitteln von den Haushalten im Restmüll landen. Umgerechnet pro Kopf ist es dann regional recht unterschiedlich, weil auch das Aufkommen von Restmüll in Österreich recht unterschiedlich ist. Im Durchschnitt sind das dann pro Einwohner zwischen 10 und 20 kg pro Jahr. Wie gesagt gibt es regionale Unterschiede, es können auch bis zu 40 kg pro Einwohner und Jahr sein. Bei dieser Berechung sind noch keine Speisereste oder andere Entsorgungswege wie die Biotonne oder der eigene Kompost dabei. Es handelt sich nur um Lebensmittel im Restmüll, die original oder angebrochen sind.
bewusstkaufen.at: Wenn Sie von Unterschieden sprechen, ist es so, dass in der Stadt mehr weggeworfen wird oder auf dem Land?
Schneider: Wir finden im Restmüll in der Stadt einen höheren Anteil an Lebensmitteln als am Land. Wir vermuten hier mehrere Einflussfaktoren. Zum einen ist es ja so, dass in ländlichen Regionen das Abfallaufkommen insgesamt niedriger ist als in Städten. Das liegt auch daran, dass man in Städten auch einen gewissen Anteil an Gewerbe in diesem Abfall dabei hat. Es spielt natürlich auch eine Rolle, dass man in der Stadt in den Entsorgungswegen eingeschränkt ist. Das heißt, am Land hat man doch noch einen Eigenkompost, wo man Lebensmitteln entsorgen kann, oder man hat Haustiere, die man mit den Resten der Lebensmittel füttern kann, was man in der Stadt eben nicht hat. Was natürlich auch eine andere Möglichkeit wäre, warum in der Stadt mehr Lebensmittel im Restmüll gefunden werden, als am Land, ist, dass am Land auch eine andere Werthaltung vorliegen kann, das ist aber noch nicht bestätigt.
bewusstkaufen.at: Was passiert mit den Lebensmittelabfällen, nachdem sie weggeworfen wurden?
Schneider: Das ist regional unterschiedlich: Wenn sie im Restmüll landen, dann werden sie in Österreich entweder einer mechanisch biologischen Anlage zugeführt oder einer Restmüllverbrennungsanlage. Wenn sie getrennt gesammelt werden im Zuge der Bioabfallsammlung, dann kommen sie auch regional verschieden entweder in eine Kompostieranlage oder in eine Biogasanlage.
bewusstkaufen.at: Welche ökologischen Folgen entstehen durch das Wegwerfen von Lebensmitteln?
Schneider: Ökologische Folgen entstehen, wenn Lebensmittel unbehandelt deponiert werden. Das ist in Österreich seit einigen Jahren gesetzlich verboten, aber in anderen Ländern durchaus noch eine übliche Praxis. Wenn die Lebensmittelabfälle ohne Vorbehandlung direkt deponiert werden, werden sie durch Mikroorganismen abgebaut. Durch die in einer Deponie herrschenden Bedingungen - das heißt unter Luftabschluss durch die starke Komprimierung - entsteht das Klimagas Methan. Dieses ist 25 Mal wirksamer als CO2! Das bedeutet, dass aufgrund der weggeworfenen Lebensmittel schädliche Treibhausgase emittiert werden. In Österreich ist es so, dass Lebensmittel eben nicht direkt deponiert werden dürfen. Sie werden vorbehandelt: Entweder werden sie einer mechanisch-biologischen Vorbehandlung unterzogen oder einer Verbrennung. Dabei darf man nicht vergessen, dass Lebensmittel eine sehr energie- und ressourcenintensive Produktgruppe sind, das heißt, die Aufwendungen - die Ressourcen, das Wasser, das Land, menschliche Arbeitskraft, die Düngemittel, etc., die bei der Produktion dieser Lebensmittel eingesetzt wurden, sind eigentlich sinnlos eingesetzt worden und führen zu keinem Nutzen für die Menschen, weil die Lebensmittel nicht gegessen, sondern entsorgt werden. Bei der Frage nach ökologischen Folgen der Lebensmittelabfälle, muss man auch die Auswirkungen dieser Aufwendungen berücksichtigen, die bei der Produktion entstehen.
bewusstkaufen.at: Welche Aktivitäten werden auf nationaler und internationaler Ebene unternommen, um dem Problem von Lebensmittelabfällen zu begegnen?
Schneider: Wie wir begonnen haben mit unseren Forschungen auf diesem Gebiet, hat es sehr wenig gegeben. Es hat sehr viel Überzeugungsarbeit benötigt, um hier Forschungsarbeit aufbauen zu können. Mittlerweile sind die Lebensmittelabfälle auch in der Forschung ein anerkanntes Thema geworden, vor allem eben aufgrund der Emissionen bei der nicht vorbehandelten Deponierung. Zum einen wird ein Schwerpunkt auf eine ordnungsgemäße Verwertung von Lebensmittelabfällen - das heißt Kompostierung oder Biogasverwertung - gelegt. Aufgrund der europäischen Rahmenrichtlinie wird zum anderen auch immer mehr auf Vermeidung gesetzt. Die Entwicklung und Umsetzung von Vermeidungsprogrammen von Lebensmittelabfällen ist in den letzten Jahren auch ein entscheidender Schwerpunkt geworden.
bewusstkaufen.at: Welche zusätzlichen Maßnahmen würden Sie sich auf politischer Ebene wünschen, um dem Problem von Lebensmittelabfällen zu begegnen?
Schneider: Im Moment haben wir wenige Daten über das Aufkommen von Lebensmittelabfällen und noch weniger Daten über die Hintergründe. Wir wissen auch noch zu wenig, welche Maßnahmen sich wie in der Praxis auswirken. Als Grundlage für politische Entscheidungen wäre es wichtig, dass man mehr Forschungsprojekte genehmigt und fördert, um fehlende Grundlagendaten zu schaffen. Das ist wichtig, damit man dann in Zukunft Fördermittel effektiver einsetzen kann und erfolgsversprechende Maßnahmen setzen kann. Mit anderen Worten: Es spielen so viele Einflussfaktoren in den Thematik rein, dass man im Moment wenige Empfehlungen abgeben kann, welche Maßnahme sich wie auswirkt, um beispielsweise 10 % an Lebensmittelabfällen einzusparen. Die Datengrundlage ist heute noch zu vage.
bewusstkaufen.at: Welche Maßnahmen empfehlen Sie Bürgerinnen und Bürgern, um die Verschwendung an Lebensmitteln zu reduzieren?
Schneider: Bei Befragungen, die im Zuge von Projekten oder durch Studierende unseres Fachbereichs im Zuge ihrer Diplomarbeiten durchgeführt werden, wird immer wieder deutlich, dass die Personen im Haushalt meist kein Gefühl oder kein Bewusstsein dafür haben, wie viele Lebensmittel sie wegwerfen. Das ist einmal ein sehr wichtiger Schritt, dass man sich das bewusst macht, wie viel man selber wegwirft. Und wichtig wäre im nächsten Schritt, zu überlegen, was man persönlich gegen die Lebensmittelabfälle tun kann. Man muss sich die Frage stellen: „Welche Gründe führen bei mir im Haushalt dazu, dass ich viele Lebensmittel entsorge. Und wie kann ich das verändern?" Wenn man geplant einkauft und sich überlegt, wer im Haushalt die nächsten paar Tage wirklich essen wird, weiß man viel besser, welche Lebensmittel man wirklich braucht. Dementsprechend muss man sich einen Einkaufszettel schreiben, diesen auch wirklich einhalten und sich nicht von den Angeboten verführen lassen. Ich denke, ein wichtiger Schritt ist die Bewusstseinsbildung. Dann kommt der Rest zwar nicht von alleine, aber ist wesentlich einfacher umzusetzen, weil man sich dann schon mit den wesentlichen Punkten auseinandersetzt: „Warum fallen bei mir Lebensmittelabfälle an und was bedeutet das Mindesthaltbarkeitsdatum wirklich." Das sind Dinge, bei denen doch noch große Unsicherheit in der Bevölkerung herrscht.
bewusstkaufen.at: Vielen Dank für das Interview!



