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10.11.2011

Nachgefragt: natürlicher Kunststoff - ein Widerspruch?

Interview mit Johann Zimmermann, Firma NaKu - aus natürlichem Kunststoff

 

Herr Zimmermann, der Filmname NAKU steht für „natürlichen Kunststoff". Was verstehen Sie unter „natürlichem Kunststoff"?

Wir verstehen darunter einerseits einen Werkstoff und andererseits eine Philosophie. Die Philosophie dahinter ist, dass sich Natur und Kunststoff eigentlich widersprechen. Uns hat fasziniert, dass man einen modernen Werkstoff wie Kunststoff, aus natürlichen Ressourcen herstellen kann. Der Kunststoff ist zum Beispiel aus pflanzlichen Stoffen produziert und kann am Ende seines Lebens wieder verrotten. Das ist auch der Grund, warum wir „NAKU - Aus natürlichem Kunststoff" heißen. 

 

Welche Produkte haben Sie bereits auf den Markt gebracht?

Das erste Produkt war ein spezieller Frischhaltebeutel, für den wir 2008 einen Innovationspreis bekommen haben. Ein Jahr später haben wir angefangen eine PLA-Flasche zu entwickeln, mit der wir gerade fertig geworden sind. Seit drei Wochen haben wir einen Verschluss aus „natürlichem Kunststoff" zur Flasche. Soweit ich gehört habe, sind wir weltweit die ersten und einzigen, die so etwas haben. Aber leider werden wir nicht lange die ersten sein: Es sind bereits auch größere Unternehmen daran, so etwas zu produzieren.

 

Für welche Flüssigkeiten wird diese Flasche eingesetzt werden und wie kommt der Verbraucher an diese Flasche?

Man könnte sie z.B. für Milch, Milchprodukte, Joghurt, Fruchtsäfte oder stilles Wasser, genauso gut aber auch für Spülmittel und Waschmittel verwenden.

Wir werden voraussichtlich zwei Wege wählen, um die Flasche auf den Markt zu bringen. Wir haben einerseits schon viele Anfragen aus dem Sport- und Wanderbereich für eine Flasche, die man mehrmals verwenden kann, die leicht ist und nicht bricht. Dabei geht es darum, dass man sich keine Gedanken machen muss, ob sich gesundheitsschädliche Chemikalien in der Flasche befinden, die nach häufiger Benutzung in das Getränk abgegeben werden könnten, wie das bei herkömmlichen Flaschen der Fall sein kann.

Wir arbeiten aber auch daran, dass Apfel-, Fruchtsäfte oder Mineralwasser in der Flasche verkauft werden. Dafür brauchen wir aber noch einen Abfüller, der das für uns am Markt umsetzt. Anbieten tun wir dies bereits. Es ist aber natürlich so, dass jeder von den Kunden eine neue Flasche oder ein neues Material für sein Produkt selbst ausprobieren und testen muss - auch wenn wir es schon seit 18 Monaten testen. Das ist eine Branche, die seit über 50 Jahren PET gewöhnt ist.

 

Gibt es noch andere Produkte, die Sie verkaufen?

Ja, wir haben auch Blisterverpackungen und einen sehr interessanten Joghurtbecher. Dabei war die Thematik, dass dieser Peroxiddampf aushalten muss, da er damit kurz ausgespült wird. Und inzwischen bieten wir auch Rohmaterialien, also Granulat an. Mit unseren Kunden zusammen bieten wir auch solche Sachen wie Jausenboxen, Keksausstecher, Schneidbretter, Küchenbedarf an.

 

Worin sehen Sie persönlich den Vorteil gegenüber herkömmlichem Kunststoff?

Für uns ist es ganz wichtig, den handfesten Nutzen herauszukehren. Neben den natürlichen Materialien, der Gesundheitsverträglichkeit und der biologischen Abbaubarkeit können „Bio"-Kunststoffe zusätzliche Vorteile haben. Die Beutel aus Maisstärke kann ich so gestalten, dass darin Lebensmittel länger frisch bleiben können. Wenn ich die Verarbeitung in diese Richtung optimiere, kann darin Salat über eine Woche länger frisch bleiben. Ich kann darin  Speisepilze lagern, aber auch ganz normale Sachen wie Karotten, Zwiebel und Brot. Deshalb habe ich als Kunde nicht nur einen rein technischen Nutzen davon, wenn der Kunststoff  verrottbar ist.

 

Wie erklärt es sich, dass die Lebensmittel in dem Beutel aus Maisstärke länger frisch bleiben?

Dadurch, dass wir mit Stärke arbeiten ist der Beutel sauerstoffdurchlässig: Stärke ist sehr atmungsaktiv und ich kann in der Verarbeitung diesen Effekt noch verstärken. Dadurch bekomme ich ein besonders atmungsaktives Material mit einem besseren Feuchtigkeitshaushalt als mit einer herkömmlichen Plastik-Sperrschicht. Wir haben Studien durchführen lassen, in denen der NAKU-Beutel mit einem herkömmlichen Polyethylen-Beutel und mit der Lagerung an freier Luft verglichen wurde. Dabei schnitt unser Beutel am besten ab. Es ist eigentlich ein sehr einfacher Mechanismus, der ermöglicht, dass die Lebensmittel in der Verpackung atmen können. Gleichzeitig werden die Bakterien und die Flughefen, die sonst in der Luft sind, davon abgehalten, sich auf den Lebensmitteln niederzulassen, was wiederum zu einem früheren Verderb führen würde.

Gleichzeitig muss der Beutel die gleichen Eigenschaften haben, wie ein Sackerl aus herkömmlichem Kunststoff. Dass unsere Sackerl wie Plastik aussehen sollen, ist für uns die Herausforderung. Der Kunde möchte, wenn er auf eine nachhaltige Lösung umsteigt, nicht auf seine Annehmlichkeiten verzichten müssen. Das bedeutet, der NAKU-Beutel muss genauso stabil sein, ähnlich aussehen und wasserabweisend sein, wie ein herkömmlicher Kunststoffbeutel. Er ist aber aus natürlichem Kunststoff. Wenn man ihn angreift, merkt man, dass er etwas samtiger ist - er fühlt sich etwas anders an, aber auf den ersten Blick würde man sagen: „Das ist ein Kunststoff."

 

Wie hoch ist denn der Anteil an nachwachsenden Rohstoffen in Ihren Produkten?

Wir strebten immer an, möglichst viel nachwachsenden Rohstoff - d.h. das technisch machbare Maximum - im Produkt zu haben. Bei manchen Produkten haben wir bereits einen Anteil von 100 % nachwachsender Rohstoffe erreicht. Bei anderen kann es sein, dass wir noch mit Materialien auf Ölbasis arbeiten, die aber natürlich auch abbaubar sind, d.h. den Bakterien gut schmecken, zu Biomasse zerfallen und in CO2 umgesetzt werden. Wir hoffen aber, dass wir auch hier in naher Zukunft Ersatzprodukte haben werden. Das Ziel ist ganz klar, dass wir überall 100 % nachwachsende Rohstoffe haben wollen. Derzeit haben wir das aber noch nicht.

 

Welche Rohstoffe verwenden Sie für die Herstellung Ihrer Produkte?

Wir verwenden alles, was wir im Kunststoffprozess verarbeiten können. Hauptsächlich nutzen wir Stärke. Polymilchsäure ist auch ein Werkstoff, den wir sehr gerne einsetzen. Dann versuchen wir, das mit allen möglichen Mitteln zu kombinieren, z.B. mit Harzen, Öle, Fette, Vitamine, Lignin und Holzfasern. Auch Pflanzenfarben sind ein ganz heißes Thema. Das alles sind Produkte, bei denen man schaut, wie man den Kunststoff beeinflussen kann und ihm Eigenschaften verleihen, die man sonst nicht bekäme.

 

Woher beziehen Sie die Rohstoffe?

Wir beziehen die Stärke, die in unseren Beuteln drin ist, aus Europa. Ein großer Vorteil der „natürlichen Kunststoffe" ist natürlich, dass es damit gelingt, eine möglichst enge Kreislaufwirtschaft zu erreichen. Das ist eine Idee, die uns sehr fasziniert hat. Der nächste Schritt ist, dass wir eine österreichische Stärke hineinbringen, um einen noch kleineren Kreislauf zu erzielen.

 

Welche Art von Stärke kommt für Ihre Produkte in Frage?

Das hängt vom Prozess ab. Am liebsten wäre mir Reisstärke, die gibt einen schönen, gleichmäßigen Stärkestern. Reis ist aber in unseren Breiten nicht so üblich. Normalerweise nutzen wir deshalb Mais- oder Kartoffelstärke. Es gibt aber auch durchaus andere Stärketräger, die man in Europa bislang kaum anbaut. Dazugehört z.B. die Topinamburwurzel, die an sich eine reine Stärkefrucht ist und die man nur für Viehfutter und für die Stärkegewinnung einsetzen könnte. Derzeit ist sie bei uns noch nicht sehr verbreitet, hätte aber das Potenzial im industriellen Gebrauch verwendet zu werden.

 

Welche Länder sind weltweit besonders fortschrittlich, was Forschung und Entwicklung im „Bio"-Kunststoffbereich angeht?

Österreich leider nicht. Sehr weit vorne ist Amerika und auch Asien tut sehr viel, vor allem im Bereich Japan - China. Wenn man nach Europa schaut, ist England fortschrittlich und dann natürlich Italien. Dort wurde im letzten Jahr das Plastiksackerl verboten, was einen sehr starken Impuls für die Plastikindustrie gibt: Wenn ein ganzer Industriezweig in die Richtung „natürlicher Kunststoff" umsteigen muss, entsteht natürlich Nachfrage und für uns Konkurrenz. Ich komme gerade aus den Niederlanden und die sind auch sehr weit. Sie haben inzwischen Polymerisation von solchen Kunststoffen bei sich im Lande. Auch haben sie teilweise die notwendige Rohstoffgewinnung - das ist etwas, was in Österreich noch nicht einmal angedacht ist.

 

Sie haben die Firma NAKU im Jahr 2007 gegründet. Wie hat sich die Nachfrage nach Ihren Produkten seitdem entwickelt?

Die Nachfrage hat sich stark entwickelt, aber natürlicher Kunststoff ist immer noch ein Nischenprodukt. Es ist immer noch so, dass bei Weitem mehr Tragetaschen aus traditionellem Kunststoff verkauft werden und nur ein Mickey Mouse-Anteil daneben aus „Bio"-Kunststoff ist. Es gibt ein paar interessante Ansätze, die dazu führen könnten, dass natürliche Kunststoffe aus ihrem Nischendasein treten: Coca Cola hat es sich z.B. auf die Fahnen geschrieben, auch ein PET aus nachwachsenden Rohstoffen für seine Flaschen zu verwenden.

Wir selbst haben einen sehr starken Nachfrageanstieg erfahren, als die Dramatik mit dem Ölleck im Golf von Mexiko aktuell war oder als es die Gaskrise gegeben hat, in der man gesehen hat, dass Österreich nicht Gas autark - und deshalb auch nicht Polyethylen autark - ist. In diesen Situationen stellen sich viele die Frage, wie alternative Rohstoffe aussehen können.

Ein Grund für die höhere Nachfrage ist das Bewusstsein, was nicht zuletzt durch den Film „Plastic Planet" von Werner Bote geschärft wurde. Der Film rückt den gesundheitlichen und umwelttechnischen Aspekt von herkömmlichem Kunststoff in den Vordergrund.

 

Können Sie eine Einschätzung geben, wie sich die „Bio"-Kunststoffindustrie in Zukunft weiterentwickeln wird?

Die „Bio"-Kunststoffindustrie hat derzeit Wachstumsraten im zweistelligen Bereich, meistens so um 18 - 20 % herum. Wenn man das Absolut sieht, ist allerdings auch der Zuwachs von 18 oder 20 % nicht besonders stark. Es wird auf jeden Fall noch zunehmen, die Zahlen wer wo was produziert, sind derzeit sehr undurchsichtig. Man kann aber davon ausgehen, dass jeder in diesem Bereich seine Kapazitäten ausbaut.

 

Was wünschen Sie sich für die Entwicklung des „Bio"-Kunststoff-Bereichs für die Zukunft?

Es geht bei diesem Produkt ganz stark um die öffentliche Meinung bzw. Aufmerksamkeit. In den Weltmeeren schwimmt ganz einfach viel Abfall herum. Es ist so, dass in Österreich ca. 5 % von den Tausenden von Tonnen an Kunststoff im Ökosystem landen. Die anderen 95 % werden entweder recycelt oder verbrannt. Das ist ein Punkt, der einem bewusst sein muss. Es fehlt ganz klar an einer Vision, wo sich der Kunststoff hin entwickeln soll. Der traditionelle Kunststoff hat Problemfelder, denen er sich nicht stellt. Deswegen gerät der ganze Kunststoff in ein schlechtes Bild. Das hat er aber nicht verdient, denn es ist einfach der Werkstoff des letzten und dieses Jahrtausends und er ist nicht wegzudenken. Aber es gibt keine Visionen, wie man mit ihm umgeht, was man mit ihm macht oder was man vermeiden sollte. In Österreich schlafen sie ja. Wir haben hier zwar ganz tolle Bioprodukte im Lebensmittelbereich. Bei „Bio"-Kunststoffen sind Italien, die Niederlande und auch Polen deutlich weiter in der Entwicklung als Österreich. Ich habe die Sorge, dass in 2 - 3 Jahren alle „Bio"-Kunststoffe nach Österreich importiert, anstatt dass sie exportiert werden. Das ist derzeitig der Trend.

In der EU aber auch in Österreich brauchen wir auf jeden Fall eine Vision und klare Zielstrukturen. Niemand bestreite, dass die Wirtschaft der Zukunft in Kreisläufen ablaufen muss. Doch wie dies umzusetzen ist, ist unklar. Experten müssen sich mit der Frage auseinandersetzen, wie ein Recyclingsystem für „Bio"-Kunststoff und wie eine Kennzeichnung ausschauen könnte. Da sollten sich alle Experten einmal zusammensetzen, eine Vision ausarbeiten und dieser dann klar folgen. Sonst sucht sich jeder seine Strategie bunt heraus.

 

Vielen Dank für das Interview ...

 

Das Interview führte Julia Fielitz, ÖGUT

 
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