Die urbane Stadt als Rohstoffquelle (c) Unsplash

Unter der Lupe: Urban Mining

Unsere Städte haben einen großen Appetit auf Rohstoffe. Das Bevölkerungswachstum und die Urbanisierung bringen unsere Natur mit ihren Ressourcen jedoch an ihre Grenzen. Also woher sollen wir die begehrten Materialien in Zukunft nehmen? Eine Möglichkeit: wir recyceln unsere Städte.

Immer mehr Menschen zieht es in urbane Gebiete. In 25 Jahren sollen sogar mehr als zwei Drittel der Erdbevölkerung darin leben. Somit brauchen wir auch immer mehr Wohnraum und Infrastruktur in den größer werdenden Städten, die ständig neue Ressourcen benötigen. Deswegen brauchen wir neue Pläne, neue Ideen und vor allem neue Rohstoffquellen für den Bau der Zukunft.

Die Stadt als Rohstoffquelle

Recycling und Kreislaufwirtschaft sind bei Handys, Laptops oder Flachbildschirmen schon lange ein häufig diskutierter Ansatz, um unsere Ressourcen zu schonen. Ob Gold, Silber, Platin oder Kupfer – die sogenannten kritischen Metalle bzw. „seltenen Erden“ sind wichtige Zutaten für die Herstellung unserer Hi-Tech Geräte. Haben Smartphone & Co. einmal ausgedient, könn(t)en wieder viele Rohstoffe für neue Produkte herausgeholt werden.

Warum die Idee nicht auch auf ganze Städte ausweiten?

Beim „Urban Mining“ sollen auch bestehende Gebäude, Infrastrukturen und Deponien in den Städten den steigenden Bedarf an Rohstoffen decken. Aufgrund der knapper werdenden Ressourcen hat das Thema der „Stadt als ewige Rohstoffquelle“ in den letzten Jahren stark an Fahrt und Dringlichkeit gewonnen.

Auf der Suche nach den verborgenen Schätzen

In Österreich fallen lt. Bundesabfallwirtschaftsplan jährlich rund 60 Millionen Tonnen Abfälle an. Allein rund zehn Millionen Tonnen davon ist (im Jahr 2015) Abbruchmaterial – ein großes Potenzial für die Kreislaufwirtschaft. Um herauszufinden, wo sich die urbanen Minen befinden, werden an der TU Wien zentrale Daten dazu erhoben. Diese werden in einer „Rohstoff-Karte“ gesammelt, die im Falle eines Gebäudeabbaus notwendige Informationen liefert. Eine weitere Variante ist der „Gebäudepass“ – ein elektronisches System, dass die „DNA“ der Gebäude erfasst und dokumentiert.

Per Fernerkundungssystemen und Satelliten soll zukünftig die Aktualisierung erleichtert und erkennbar machen, wo sich wertvolle Materialien (z.B. in Dächern) befinden. Die Qualität und Konzentration der Rohstoffe spielen ebenfalls ein Rolle, um dauerhaft Materialien aus städtischen Altbauten gewinnen und wiederverwerten zu können.

Vom Bahnhof zur urbanen Mine

In Wien sind rund 12 Millionen Tonnen hochwertiges Material in den Gebäuden und der Infrastruktur versteckt. Auch als im Jahr 2010 begonnen wurde, den ehemaligen Südbahnhof der Bundeshauptstadt abzutragen, tat sich eine gigantische urbane Mine auf. 170 Jahre Bahngeschichte hinterlassen naturgemäß viel Material. Rund 1,7 Millionen Tonnen Material wurden abgetragen, ein Teil davon im Wiener Hauptbahnhof wiederverwertet. Allein an Metallen fanden sich rund 25 Millionen Tonnen in dem Komplex, das entspricht etwa der dreifachen Menge des Eiffelturms.

Das recycelte Haus

In kleinerem, aber nicht weniger ressourcenschonendem Rahmen, hat sich das Kommunikationshaus gugler mit dem Thema Recycling auseinander gesetzt. Das Unternehmen aus Melk (NÖ) hat ein Betriebsgebäude errichtet, das zu 95% aus recycelbaren Materialien – teilweise aus dem eigenen Betrieb – besteht. Zum Beispiel wurden Papierabfälle zur Dämmung oder Aluminiumdruckplatten aus der hauseigenen Druckerei für die Außenfassade verwendet. Auch bei den restlichen Materialien achtete man auf Nachhaltigkeit: statt Stahlbeton wurde Lärchenholz, statt Montageschaum aus Chemie umweltfreundliche Schafwolle eingesetzt. Mit dieser Bauweise wollte das heimische Unternehmen ein Gebäude bauen, das auch für die nächsten Generationen funktioniert – mit so wenig seltenen Rohstoffen wie nötig.

Urban Mining als neues Bewusstsein

Ob Recycling im Sinne eines „Urban Minings“ Sinn macht oder nicht, entscheidet vor allem die Verarbeitungsweise der Baustoffe und der damit einhergehenden Kosten. Je reiner das Material, desto einfach und billiger kann es recycelt werden. Die Trennung der Materialien stellt die Baubranche jedoch vor eine große Herausforderung und die Wiederverwertung ist teuer und aufwändig.

Dennoch steht „Urban Mining“ für ein generell neues Bewusstsein. Unsere Rohstoffe sind endlich und werden nicht immer verfügbar sein. In der EU wurde deswegen das „Circular Economy Package“ geschnürt, mit Zielen und Maßnahmen zur Förderung der Kreislaufwirtschaft in Europa. Darin enthalten sind beispielsweise das Verbot der Deponierung von getrennt gesammelten Abfällen oder die Förderung wirtschaftlicher Anreize für Hersteller, umweltfreundlichere Produkte auf den Markt zu bringen und Verwertungs- und Recyclingprogramme zu unterstützen.

Schlussendlich brauchen wir Lösungen, wie unsere Baumaterialien jetzt zusammengesetzt werden sollen, damit ein Recyling auch möglich ist – denn was wir jetzt verbauen, fällt in der Zukunft entweder als Rohstoffquelle oder nur als Abfall an!

Quellen und weiterführende Links:

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