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Unter der Lupe: Sharing Economy

Tauschen, statt Kaufen. Nutzen, statt Besitzen. Unter dem Begriff „Sharing Economy“ haben sich in den letzten Jahren zahlreiche Ideen und Konzepte entwickelt, die eines gemeinsam haben: aus KonsumentInnen werden NutzerInnen. Ist diese Entwicklung ein grundlegender kultureller Umbruch?

Autos, Fahrräder oder Kleidung – viele Produkte, Services und Dienstleistungen können getauscht und verliehen werden. Das Teilen und Tauschen passiert aber schon lange nicht mehr nur im eigenen Freundeskreis oder in der Nachbarschaft. Durch unzählige Online-Plattformen und soziale Medien angetrieben, hat sich der Grundgedanke der geteilten Nutzung längst weltweit ausgebreitet und wird in unterschiedlichsten Formen organisiert. Ein Trend, der gekommen ist, um zu bleiben.

Als Klassiker unter den Sharingbeispielen von Produkten gilt die Bohrmaschine. Viele haben eine solche zuhause, kaum jemand hat sie öfters in Gebrauch. Unsere Kleiderkästen sind voll mit Hosen, T-Shirts, Röcken, Kleidern – vieles davon ziehen wir nur mehr selten an. Da liegt der Gedanke nahe, diese Dinge einfach zu teilen, zu verleihen oder zu tauschen. Kein Wunder also, dass Kleidertauschbörsen boomen und „Sharing“-StartUps wie Schwammerl aus dem Boden schießen.

Sozialer Austausch als Treiber

Weniger besitzen, mehr nutzen. Das wünschen sich viele Menschen, die die Sharing Economy antreiben. Dabei geht es um viel mehr, als „nur“ um das Leihen und Verleihen von Alltagsgegenständen. Ein wesentlicher Anreiz zum Mitmachen liegt im sozialen Austausch – hierbei hat die Sharing Economy eine neue Währung ins Spiel gebracht: Vertrauen. Digitalisierung ermöglicht nicht nur die Vernetzung, sondern bietet auch eine Feedbackmöglichkeit und direkte Kommunikation. Mit Hilfe zum Beispiel von Nutzerprofilen kann man sich online finden und dann im realen Leben kennen lernen. Das haben sich auch die Initiatoren von FragNebenan.at auf die Fahnen geschrieben. Über diese Online-Plattform sollen sich NachbarInnen besser vernetzen, um sich persönlich zu treffen und auszutauschen – sei es auf einen Kaffee, zum gemeinsamen Sporteln oder Aushelfen.

Großes Sharing-Potenzial in Österreich

Das Teilen von Unterkünften, Konsumgütern oder Serviceleistungen ist zu einem essentiellen Bestandteil des digitalen Lebensstils der ÖsterreicherInnen geworden. Laut einer Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC nutzten im vergangenen Jahr knapp die Hälfte der österreichischen Bevölkerung Sharing-Dienste. Am beliebtesten waren die Bereiche Medien und Unterhaltung, Hotels und Unterkünfte sowie Carsharing-Dienste. Der veränderte Stellenwert von Eigentum wird sich voraussichtlich auch in Zukunft wandeln. In Österreich wird für 2018 der höchste Anstieg bei der Nutzung von Sharingdiensten in den Bereichen Dienstleistungen (plus 43 Prozent) und Mobilität (plus 21 Prozent) erwartet.

Die größten Beweggründe für die heimischen Sharing-NutzerInnen liegen in einem besseren Preis-Leistungs-Verhältnis gegenüber klassischen Angeboten (54 Prozent) sowie dem Wunsch, einen Beitrag für Umweltschutz und Nachhaltigkeit zu leisten (31 Prozent). Bedenken gibt es hingegen noch in punkto Sicherheit, Haftungsfragen und Qualität. 2017 hat fast jede/r vierte ÖsterreicherIn einen Share Economy-Dienst angeboten, zum Beispiel auf Ebay oder willhaben.at – Tendenz steigend.

Sharing City – eine Megastadt zeigt’s vor

Die Entwicklung macht auch vor Städten nicht Halt. Zu viele EinwohnerInnen, zu wenig Platz – das führte in Seoul zu vielen wirtschaftlichen, sozialen und umweltbedingten Problemen. 2012 wurde deshalb ein großangelegtes Experiment namens „Sharing City“ ins Leben gerufen. Im Zuge der Initiative werden von der Stadt öffentliche Ressourcen und Dienstleistungen zu Verfügung gestellt und die gesetzlichen Voraussetzungen für Unternehmen mit Sharing-Economy-Modellen geschaffen. Heute reicht das Angebot von klassischen Carsharing-Diensten über Verleihmöglichkeiten für Kleidung bis hin zur Online-Plattform für gemeinsame Abendessen mit Gleichgesinnten.

Pocket Mannerhatten: Stadtentwicklung in Ottakring

Für Sharingideen im Zuge einer Stadtentwicklung muss man aber nicht so weit reisen. Auch in Wien Ottakring gibt es ein entsprechendes Projekt namens „Pocket Mannerhatten“, welches das Prinzip der „Share Economy“ auf Gebäude anwendet. Unter dem Motto „Wer teilt, bekommt mehr“ werden bestimmte Gebäudebereiche und Infrastrukturen, die bisher nur von den BewohnerInnen einer Parzelle genutzt wurden, auch benachbarten Parzellen zur Verfügung gestellt. Dadurch können zum Beispiel Innenhöfe oder Dachflächen zusammengelegt, Stiegenhäuser und Aufzüge von mehreren Gebäuden genutzt oder Systeme erneuerbarer Energien gebäudeübergreifend und dadurch rentabler werden. So ergeben sich Vorteile für alle Beteiligten: höhere Lebensqualität, mehr Freizeitmöglichkeiten, Wertsteigerungen oder der Zugang zu Förderungen.

Der ewige Kreislauf des Tauschens und Teilens?

Mein Haus, mein Auto, mein Besitz. Was früher als Inbegriff des Wohlstands galt, wird zunehmend kritischer gesehen. Mit Hilfe von Online-Diensten ist es heutzutage ein Leichtes, sich mit anderen Menschen auszutauschen – sozial wie materiell. In diesem Rahmen konnten sich die unterschiedlichsten Varianten einer „Sharing Economy“ entwickeln und verbreiten. Die Erwartungshaltung ist hoch: Überkonsum, Umweltverschmutzung und Ressourcenverschwendung sollen damit begegnet werden. Indem Produzenten und Konsumenten direkt miteinander verbunden werden, werden gleichzeitig auch Zwischenhändler obsolet. Nicht nur kleine Einzelhandelsunternehmen, sondern auch Konzerne stehen vor der großen Herausforderung, ihre Geschäftsmodelle an diese Entwicklungen anzupassen. Inwieweit Sharing Economy zukünftig unseren Alltag mitbestimmen wird, wird auch davon abhängen, wie weit das Konzept an die Alltagsrealitäten und Bedürfnisse der Menschen weiter anzuknüpfen vermag.

Quellen und weiterführende Links:

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