Gemüse aus der und für die Stadt © urbanizehub

Unter der Lupe: Urban Farming

Immer mehr Menschen zieht es in Ballungsgebiete. 2050 werden rund 70 % der Weltbevölkerung in Städten leben – dies stellt auch für die Lebensmittelversorgung der Städter/innen eine große Herausforderung dar. Was können „Vertical Farms“ oder „Urban Gardening“ Initiativen dazu beitragen?

In knapp 30 Jahren wird die Mehrheit der Menschen in urbanen Ballungszentren leben. In Anbetracht des Klimawandels und der Ressourcenknappheit sind neue Ansätze erforderlich, um den ökologischen Fußabdruck von Städten zu reduzieren und diese nachhaltig zu gestalten. Zusätzlich zur traditionellen Landwirtschaft (fernab der Städte) gibt es unter dem Überbegriff „Urban Farming“ (dt.: Städtische Landwirtschaft) bereits erste Bemühungen, die Lebensmittelproduktion stärker an Ballungsgebiete anzubinden – dazu zählen Stadtgärten, welche am Boden oder auf Dächern installiert wurden, oder aber auch „Vertical Farms“, wobei sich der Anbau der Nahrungsmittel in mehrstöckige Gebäude verlagert. Aber auch im Kleinen tut sich einiges: so haben sich bereits zahlreiche „Urban Gardening“-Initiativen von Stadtbewohner/innen für den lokalen Anbau von Kräutern, Obst und Gemüse zum Eigenbedarf gebildet. Bewusst Kaufen hat recherchiert, welche Trends sich aktuell abzeichnen.

Prosumer – wenn Konsumenten zu Produzenten werden

Ob am Donaukanal in Wien, am ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof, in New York oder Shanghai, auf der Dachterrasse oder am Fensterbrett: Städter/innen werden zu Gemüsegärtner/innen, die ihre Tomaten, Chilis und Zucchini für den Eigenbedarf ziehen. Doch das ist nicht nur hip und liegt im Trend: „Urban Gardening“ bringt auch einen Mehrwert an Lebensqualität und biologischer Vielfalt in die Metropolen der Welt. In Zeiten, in denen das Wissen um Herkunft, Anbau und Produktion unserer Lebensmittel an Stellenwert gewinnt, greifen Citybewohner/innen wieder öfter selbst zum Rechen oder Spaten. Die Gärten sind dabei nicht nur ein Vehikel zur Selbstversorgung, sowie eine Bereicherung von Grünflächen und essentieller Beitrag zur Sicherung der Biodiversität, sondern fördern auch das Miteinander und die Nachbarschaft in den Grätzeln. Zudem können die Pflanzen auch positive ökologische Effekte auf das Stadtklima mit sich bringen, wie etwa niedrigere Temperaturen, Filterung von Abgasen, Lärmminderung oder Speicherung von Wasser und Nährstoffen.

Wächst Gemüse zukünftig auch im Agrarhochhaus?

Landwirtschaftliche Flächen können – neben den Stadtrandgebieten – auch auf Dächern oder in mehrstöckigen Gebäuden entstehen, abgeschirmt von der Natur, mitten in der Stadt. „Indoor-Farming“, „Zero-Acreage Farming“ oder „Vertical Farming“ nennen sich diese technologisch ausgeklügelten Konzepte, die vermehrt durch Start-Ups aus dem Boden sprießen. Diese futuristischen Projekte zeichnen sich dadurch aus, dass keine neuen oder bestehenden Anbauflächen für landwirtschaftliche Tätigkeiten genutzt werden, stattdessen verlagert sich die Produktion in die Höhe. Dabei wachsen die Pflanzen oft in übereinander angelegten Ebenen, also vertikal, erdfrei und der Anbau kommt ohne Pestizide aus.

Babylonier und Azteken zeigten es vor

Vorreiter für den industriellen Anbau in die Vertikale waren schon einst die Babylonier im 8. Jahrhundert vor Christus und die Azteken vor ca. 700 Jahren. Das erste Bauwerk zum Thema Vertikalgärten entwickelten die Bewohner Babylons; die bis zu 30 Meter hohen und weltweit bekannten „Hängenden Gärten“. Weitere Pioniere in der Entwicklung der sogenannten Hydroponik – übersetzt „Arbeit mit Wasser“ – waren die Azteken mit ihren „fließenden Gärten“. Sie bauten auf künstlichen Inseln beispielsweise Mais, Avocados, Bohnen, Tomaten und Chilis an. Diese Inseln waren eine Art Vorgänger des Hydroanbaus, da die Pflanzenwurzeln zwar in der Erde steckten, aber häufig direkt mit Wasser in Berührung kamen.

Die Weiterentwicklung der Hydrokulturen stellt „Aquaponik“ dar. Dabei wird die Fischzucht mit dem Gemüseanbau in einem nachhaltigen, geschlossenen Stoffkreislauf verbunden: Über ein Pumpsystem wird aus den Fischtanks das nährstoffreiche Wasser und Dünger nach oben gepumpt und zum Bewässern der Pflanzenkulturen verwendet. Überschüssiges Wasser sickert (gereinigt von Ammoniak) durch und gelangt so wieder in die Fischtanks – und der Kreislauf beginnt wieder von vorne. Eine Rechnung, die aufgeht: Mit 50 Liter Wasser lassen sich zwei Kilogramm Tomaten und ein Kilogramm Fisch produzieren. Im herkömmlichen Anbau würden dafür nicht nur 75 % mehr Dünger, sondern auch die doppelte Wassermenge benötigt. Eine Pilotanlage im deutschen Mecklenburg-Vorpommern soll jetzt beweisen, dass das System auch in größerem Umfang wirtschaftlich betrieben werden kann.

Vor- und Nachteile des Vertical Farmings

Die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Österreich geht seit Jahrzehnten drastisch zurück – 2016 gab es rund 135.000 Betriebe (Stand: 2016) mit landwirtschaftlich genutzter Fläche, 1990 waren es noch fast doppelt so viele. Demnach geraten die heimischen Bäuerinnen und Bauern auch immer mehr unter Druck. Gleichzeitig wächst bei den Konsument/innen das Bewusstsein hinsichtlich heimischer Lebensmittel. Eine verstärkte Anbindung der Landwirtschaft an die Städte könnte diesem Wunsch gerecht werden.

Laut einer internationalen Studie (2014), die 73 der sogenannten „Zero-Acreage Farming“ in Nordamerika, Asien, Australien und Europa untersucht hat, bietet die Integration der landwirtschaftlichen Produktion in städtische Gebäude Möglichkeiten zur Einsparung und zum Recycling natürlicher Ressourcen, vor allem von Wasser, Energie und biologischen Abfällen. Indem die Transportwege zu den Endverbraucher/innen reduziert werden, können weiters auch landwirtschaftliche Flächen eingespart werden.

Andererseits gibt es auch noch einige offene Fragen seitens der Kritiker/innen: so zum Beispiel der hohe Energieverbrauch beim Bau und im laufenden Betrieb der Vertical Farms. Zudem könnten sich auch kaum kontrollierbare Keime in die Vertical Farms einschleichen sowie die natürliche Krankheits- und Schädlingsabwehr der Pflanzen gestört werden. Der hohe Sauberkeitsgrad könnte auch zur Verkümmerung unseres Immunsystem führen. Dazu kommen Herausforderungen aufgrund eines hohen Automatisierungsgrads und demnach einem geringeren Bedarf an Arbeitskräften, die Monopolisierung von Produktionsanlagen durch Großkonzerne sowie die Verdrängung von dezentralen kleineren Betrieben. Neben hochwertigen Nahrungsmitteln, fördert eine kleinstrukturierte, stadtnahe Biogemüseproduktion die Artenvielfalt (Stichwort Biodiversität), speichert Kohlenstoff im Boden, sichert Arbeitsplätze und schützt die Landschaft – all diese Punkte würden bei Vertical Farming-Technologien wegfallen.

Lebensmittelversorgung von morgen

Steigt der Lebensmittelbedarf so wie prognostiziert, braucht es bis 2075 eine zusätzliche Fläche von der Größe Australiens, um die Menschheit zu ernähren. Bieten „Urban Farming“-Technologien eine zusätzliche Möglichkeit zum Lebensmittelanbau, um den weltweit steigenden Bedarf an Nahrungsmitteln gerecht zu werden? Um diese Frage zu beantworten, bedarf es noch weiteren Studien und Lösungen – insbesondere im Bereich der industriellen Produktion. Bei uns leben derzeit knapp 60 % der Österreicher/innen in urbanen Siedlungsräumen, bis 2050 werden es rund 70 % (ca. 7,4 Millionen Menschen) sein. Weltweit zeigt sich die Urbanisierung in einer noch größeren Dimension – schon bis 2030 soll es allein 43 Megacities mit mehr als 10 Millionen Einwohner/innen auf unserem Planeten geben.

Es wird sich zeigen, ob und wie das „Urban Farming“ einen Beitrag zur dauerhaften Ernährungsversorgung der städtischen Bevölkerung leisten kann. Was jedoch sicher ist: Fernab der industriellen Produktion, kann Jede/r – ganz im Sinne von „Urban Gardening“ – einfach selbst zum Spaten greifen, um Obst, Gemüse oder Kräuter zu ziehen, egal, ob am Balkon oder in eigens angelegten Gemeinschaftsgärten.

Quellen und weitere Informationen:

zurück zur News-Übersicht