EOOS/Harald Gruendl (links) © Elfie Semotan

Interview zur KLIMAWANDEL!-Ausstellung

Im Rahmen der Vienna Biennale läuft im MAK die Ausstellung "KLIMAWANDEL! Vom Massenkonsum zur nachhaltigen Qualitätsgesellschaft". Mit teils sehr konkreten, teils experimentellen Projekten zeigt das EOOS-Designtrio, welchen Beitrag Transformationsdesign im Kampf gegen den Klimawandel leisten kann.

Die österreichische Klima- und Energiestrategie #mission2030 dient als Ausgangspunkt der neuen KLIMAWANDEL!-Ausstellung im MAK (Museum für angewandte Kunst) in Kooperation mit dem Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus (BMNT). Die präsentierten Installationen des bekannten Wiener Designstudios EOOS (Martin Bergmann, Gernot Bohmann und Harald Gruendl) umkreisen dabei die Frage, welchen Beitrag Transformationsdesign für den notwendigen gesellschaftlichen Wandel im Hinblick auf den Klimawandel leisten kann. EOOS entwickelte vier konkrete Utopien für die Themenfelder Mobilität, Energie, Nahrungsmittel und Kreislaufwirtschaft, um das jeweilige Innovationspotenzial zu veranschaulichen: ein Auto, einen Kühlschrank, ein Solardach und eine öffentliche Ladestation für Elektrofahrzeuge. Zwei weitere Arbeiten zeigen spekulative Designprojekte zum Thema Energie.

Die Initiative „Bewusst Kaufen“ hat Harald Gruendl, einen der drei EOOS Masterminds, zum Interview über die Ausstellung getroffen.

Seit mehr als zehn Jahren widmet sich EOOS nun verstärkt dem Thema „Sustainable Design“. Welche Rolle spielt Design Ihrer Meinung nach beim Kampf gegen den Klimawandel?

Transformationsdesign kann gerade in Bezug auf den Klimawandel wichtige Veränderungsprozesse in Gang setzen. Mit den von uns entwickelten Projekten stellen wir den Status Quo in Frage, aber liefern gleichzeitig auch neue Alternativen. Damit wollen wir eine breite Diskussion über den Wandel anregen und eine raschere Umsetzung forcieren. Der Wechsel von der momentanen, weltzerstörerischen in eine zukunftsfähige, nachhaltige Lebensweise ist aber nicht nur eine Frage des Designs, sondern auch einer partizipativen Gesellschaft. Gebündelte Kreativität von uns allen kann Gemeingüter schaffen, die von allen nutzbar und weiterentwickelbar sind. Gemeinsam geht der Wandel schneller.

Die Ausstellung ist vier Handlungsfeldern gewidmet – Mobilität, Energie, Nahrungsmittel und Kreislaufwirtschaft. Wie kamen die konkreten Ideen zu den Installationen zustande?

Wir wollten Themen aufgreifen, die ganz nah an der Realität der Menschen liegen und einen emotionalen Zugang ermöglichen. In den Wirtschaftswunderjahren nach dem Zweiten Weltkrieg waren Reisen, der Besitz eines Autos oder auch ein eigener Kühlschrank die Errungenschaften, welche ein besseres Leben versprachen. Zu der damaligen Zeit boomte die Wirtschaft und es wurde ein Wirtschaftssystem etabliert, welches auf der Ausbeutung von Ressourcen basiert. Mit neuen Zielen wie der Energiewende, der Dekarbonisierung des Verkehrs, einer Kreislaufwirtschaft, der Bioökonomie und einem weltverträglichen CO2-Fußabdruck von uns allen liegen nun die Wirtschaftswunderjahre des 21. Jahrhunderts vor uns. Die präsentierten Arbeiten verstehen sich als entsprechende Pilotprojekte – für mögliche Arbeitsweisen und Potenziale von Design in der Zukunft. Zugleich sollen sie zur aktiven Mitgestaltung eines nachhaltigen Lebensstils anregen.

Im Bereich der Mobilität versuchen sich bereits große Automobilhersteller an neuen zukunftsträchtigen Fahrzeugmodellen. Inwieweit unterscheidet sich Ihr „SOV – Social Vehicle“ von den Bestrebungen der Industrie?

Unser Social Vehicle ist ein kompaktes Elektro-Leichtfahrzeug, das – im Unterschied zur Industrie – mit einer „Open Design“-Lizenz in kleinen, lokalen Werkstätten gebaut, verbessert und repariert werden kann. Zudem beträgt der Ressourcenverbrauch in der Herstellung gerade ein Zehntel von dem eines durchschnittlichen Mittelklassewagens. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal ist das Solar-Erweiterungsmodul „Kraftwerk“: dieses wird über das Dach und die Frontscheibe des Fahrzeugs geklappt und kann so in der nicht genutzten Zeit Strom generieren. Statt einer schweren Batterie wie in anderen Elektroautos, die je nach Reichweite zwischen 300 und 600 Kilogramm wiegen, kommt eine schnell wechselbare Batterie mit nur 12 Kilogramm Gewicht zum Einsatz. Für das Laden des Elektro-Fahrzeugs haben wir uns mit der „Citizen Socket“ auch ein zweites Projekt überlegt – dabei organisieren Bürgerinnen und Bürger die Errichtung von temporären Stromtankstellen im öffentlichen Raum. Mit Hilfe einer sogenannten Wallbox, die mit einer Software betrieben wird und alle Citizen Sockets miteinander verbindet, kann ein Starkstromkabel in den öffentlichen Raum verlegt und temporär eine Stromtankstelle ermöglicht werden. Die Verrechnung erfolgt über das Peer-to-Peer Netzwerk, die Nutzungsbedingungen sowie ein fairer Preis werden unter den PlattformbetreiberInnen ausgehandelt.

Um die Energiewende zu schaffen, ist auch ein Umdenken bei Verwendung und Verwertung von Produkten notwendig. Sie haben sich bereits im Zuge der Architekturbiennale 2016 dem Thema „Kreislaufwirtschaft“ gewidmet – welche Möglichkeiten und Herausforderungen sehen Sie hier?

Es geht nicht mehr nur um die Herstellung von Produkten, also dass man sie einfach nur in Form bringt und aus der Fabrik hinausschiebt – man muss den gesamten Kreislauf eines Produkts mitdenken. Dazu zählt auch eine gewisse Flexibilität in der Art der Verwendung. Aufbauend auf die FCKW- und FKW-freien Kühlschränke die Greenpeace 1991 initiert hat, haben wir mit dem „Greenfreeze 2“ einen Kühlschrank entwickelt, der mit weiteren ökologischen Verbesserungen aufwartet und sich an die jeweiligen Lebensbindungen der Nutzerinnen und Nutzer anpasst. Er besteht aus drei Elementen: für frische Lebensmittel, länger haltbare Lebensmittel und einer Box für Getränke. Die Module sind jeweils durch eine Klimaschleuse verbunden, so können nicht verwendete Elemente energiesparend vom Strom getrennt werden.

In Österreich werden pro Jahr fast 936.000 Tonnen biogene Abfälle gesammelt. Das entspricht etwa dem doppelten Gewicht des höchsten Gebäudes der Welt, dem Burj Khalifa in Dubai. Wie könnte man diese – und andere – ungenutzten Ressourcen wiederverwenden?

Zu diesem Thema haben wir zwei spekulative Projekte entwickelt, indem aus vermeintlichen Abfällen wieder Neues entsteht. Für die „Küchenkuh“ haben wir uns die Natur als Vorbild genommen, um aus Speiseresten Energie zu erzeugen – genauso wie eine reale Kuh. Direkt von der Werkbank können zum Beispiel Gemüsereste oder heißes Kochwasser in einen Trichter gefüllt werden. Über eine Kurbel werden die Reste zerkleinert und gelangen über eine Art Speiseröhre in einen „gläsernen Magen“. Darin kann aus 1,5 kg Bioabfällen innerhalb von 20 Tagen 132 Liter Biogas erzeugt werden, das gesammelt und wieder zum Kochen verwendet werden kann. Zum Vergleich: Drei Kilogramm Bioabfall ermöglichen den Betrieb eines starken Gasbrenners für eine Stunde. Im zweiten Projekt haben wir uns einem anderen „Abfallprodukt“ gewidmet. Der „Lunar Lander“ leitet Urin, der über ein Urinal gesammelt wird, durch Hightech-Brennstoffzellen und produziert auf diese Weise Strom. Aus 85 Liter Urin erzeugt eine Brennstoffzelleneinheit eine Kilowattstunde Energie. Wenn alle Besucherinnen und Besucher des Donauinselfestestes die Toilette benutzen, ergibt das eine Gesamtmenge von rund 1 Million Liter Urin – daraus ließe sich genügend Energie gewinnen, um 30 Millionen Stunden telefonieren zu können.

Was braucht es, um den Wandel vom Massenkonsum zu einer nachhaltigen Qualitätsgesellschaft zu schaffen?

Mit der Ausstellung wollten wir einen Zukunftsort schaffen und Möglichkeiten präsentieren, die sich durchaus real umsetzen lassen. Dank Greta Thunberg und ihrer „FridaysForFuture“-Bewegung werden Umweltthemen jetzt auch medial wieder mehr in den Fokus gerückt – der Protest und die Ungeduld der jungen Generation steht dafür, wie dringend ein Umdenken erfolgen muss. Was es dazu braucht, ist eine mutige Politik, eine aktive Zivilgesellschaft sowie Wirtschaftstreibende, die den Wandel von einer linearen in eine kreislauffähige, ressourcenschonende Wirtschaft rasch umsetzen. Wir hoffen, dass wir mit unseren Designprojekten einen Beitrag dazu leisten konnten.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

VIENNA BIENNALE FOR CHANGE 2019

Die KLIMAWANDEL!-Ausstellung im Rahmen der "VIENNA BIENNALE FOR CHANGE 2019: Schöne neue Werte. Unsere Digitale Welt gestalten" läuft noch bis 6. Oktober 2019. Mehr Informationen sowie das Rahmenprogramm gibt's auf der Website www.viennabiennale.org und im Kalendereintrag von Bewusst kaufen.

 

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