Reparieren in Repaircafés © Pixabay

Unter der Lupe: Do it yourself urbanism

Repaircafés, Tauschläden oder ReUse-Initiativen leisten einen wichtigen Beitrag für eine längere Nutzungs- und Lebensdauer von Alltagsgegenständen. Bewusst Kaufen hat Markus Piringer von DIE UMWELTBERATUNG zum Interview getroffen, um mehr über „Do it yourself urbanism“ zu erfahren.

Alltagsgegenstände werden häufig weggeworfen, obwohl sie durch einfache Reparaturen oder Sharingmöglichkeiten noch weiter genutzt werden könnten. Entgegen diesem Trend entwickeln sich in mehreren europäischen Großstädten aber mit Repaircafés, ReUse-Initiativen, Materiallagern oder Tauschläden auch neuartige Initiativen, welche die Verlängerung der Lebensdauer von Produkten und Materialien fördern. Im Rahmen des Forschungsprojekts „Repair & Do it yourself urbanism“ hat Markus Piringer von DIE UMWELTBERATUNG mit seinem Kollegen Elmar Schwarzlmüller das Entwicklungs- und Transformationspotenzial solcher Initiativen untersucht und spannende Schlussfolgerungen daraus abgeleitet. Bewusst Kaufen hat genauer nachgefragt.

„Do it yourself“ liegt wieder stark im Trend – viele Personen verknüpfen damit private Erfahrungen, wie zum Beispiel Geschenke basteln oder kleinere Reparaturen durchführen. Mit „Do it yourself urbanism“ gehen Sie in Ihren Forschungsaktivitäten einen Schritt weiter – Worum geht es bei dem Projekt?

Im Gegensatz zu privaten Gründen und Praktiken, Gegenstände selbst herzustellen oder zu reparieren, geht es beim Thema „Do it yourself urbanism“ um entsprechend umfassendere Entwicklungen im städtischen Bereich, die auch im öffentlichen Raum stattfinden. Zentrales Ziel unseres Projektes ist es, das Wandlungspotenzial solcher Reparatur- und Do-it-yourself-Initiativen im Sinne einer nachhaltigen Stadt der Zukunft zu erkunden und zu beschreiben. Im Zuge dessen haben wir bestehende DIY- und Repair-Initiativen in den Städten London und Berlin untersucht und anhand von Good Practice Beispielen viele Erkenntnisse gewonnen.

Darauf aufbauend hat sich das IHS (Institut für Höhere Studien) in der Stadt Wien Erhebungen durchgeführt. Derzeit führen wir in Wien „Realexperimente“ durch, das heißt wir probieren mit PartnerInnen neue Formate aus, wie z.B. ein mobiles Repaircafé auf einem Lasten-Fahrrad, oder eine HandwerkerInnen-Konferenz zum Thema Reparatur.

Sie waren in zwei Städten unterwegs, wo DIY- und Repair-Initiativen im Vergleich zu Wien schon weiter verbreitet sind. Welche Unterschiede in den Städten konnten Sie identifizieren und welche Projekte sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Die besuchten Initiativen lassen sich grundsätzlich in drei Kategorien einteilen: Sharing & ReUse-Initiativen, Werkstätten und Reparatur-Initiativen. Da gibt es in beiden Städten viele Parallelitäten: Reparaturcafés gibt es da und dort viele – in Berlin schon ca. 80 Stück. In Repaircafés erhalten Privatpersonen kostenlos Unterstützung dabei, kaputte Gegenstände selbst zu reparieren. In London gibt es eine starke Netzwerk-Organisation dazu – das „Restart Project“ – die diese Initiativen unterstützt.

Was wir nur in London und nicht in Berlin gefunden haben sind „Men´s Sheds“. Das sind offene Werkstätten, die sich speziell an ältere Männer richten mit dem Ziel, sie aus der sozialen Isolation zu holen. In beiden Städten gibt es Materiallager, eine Art gemeinnütziger Second-Hand Shop für gebrauchte Materialien – von Holz über Glas, Lacke, Kunststoffe, Textilstoffe etc. Zielgruppen sind hier Kreative, BastlerInnen oder Schulen. Es gibt aber auch interessante Business-Modelle: Das Goodlife Centre in London zum Beispiel hat aus dem Trend zu DIY ein offenbar erfolgreiches Geschäftsmodell entwickelt. Seit 2011 bietet es ein breites Spektrum an Kursen von selbstständigen HandwerkerInnen im Bereich Handwerk und DIY an.

Ob in Deutschland, Großbritannien oder Österreich: Die europäischen Konsum- und Nutzungsmuster haben sich über lange Zeiträume gefestigt. Inwieweit können DIY- und Repair-Initiativen einen positiven Beitrag zur Transformation in Richtung nachhaltige Städte leisten?

Der „Overshoot Day“, jener Tag im Jahr, an dem wir die jährlich zu Verfügung stehenden natürlichen Ressourcen der Erde aufgebraucht haben, lag heuer bereits am 29. Juli – so früh wie noch nie. Wir brauchen demnach rasch Lösungen für weniger Ressourcenverschwendung. Die Entwicklung ressourceneffizienter Städte steht jedoch erst am Anfang und unsere besuchten Projekte können nur als Experimentierfelder zur Entwicklung sozialer und wirtschaftlicher Praktiken einer resilienten und nachhaltigen Stadt verstanden werden. Wir konnten jedoch bereits mehrere Nachhaltigkeits- und Resilienzeffekte von DIY- und Repair-Initiativen identifizieren.

Welche möglichen Effekte gibt es hier zum Beispiel?

In sozialer Hinsicht können beispielsweise praktische Skills und soziale Kompetenzen aufgebaut, zivilgesellschaftliches Engagement gestärkt oder auch Räume der Begegnung und Kommunikation zur Verfügung gestellt werden. Die positiven Wirkungen erstrecken sich auf mehreren Seiten: Den ehrenamtlichen ReparateurInnen macht es Freude, ihr Wissen weiterzugeben und auf diesem Weg auch Anerkennung zu erfahren. Die NutzerInnen profitieren ebenfalls von den offenen und einladenden Orten und dem damit verbundenen gemeinsamen Tun, vom sozialen Austausch und der gelebter Kreativität. Sozial Benachteiligte profitieren zum Teil auch von kostenlosen Gebrauchsgütern. All dies stärkt den sozialen Zusammenhalt in der Stadt.

Auch puncto Ressourcenschonung gibt es mehrere positive Effekte und unterschiedliche Praktiken: diese reichen von der Wiederverwendung und Weiterverwendung von Materialien und Produkten, über die gemeinsame Nutzung von Produkten bis hin zur Verlängerung der Lebensdauer von Produkten durch Reparatur und Instandhaltung.

Wie kann man solche Initiativen nun fördern?

Damit sich solche Initiativen positiv entwickeln können, kann man an einigen Rahmenbedingungen arbeiten: Dazu zählen beispielsweise Qualität und Verfügbarkeit von gebrauchten Produkten und Materialien. Da spielt das Abfallrecht eine große Rolle. Ein weiterer Punkt sind das erforderliche Wissen und praktische Kompetenzen. Hier kann man durch Vernetzung und Weiterbildungen unterstützend wirken, so wie es das Restart Project in London macht. Ein weiteres Beispiel sind ökonomische Rahmenbedingungen. Hier macht insbesondere die Gentrifizierung und damit verbunden steigende Mietpreise vielen gemeinnützigen Initiativen das Leben sehr schwer. Die Zusammenarbeit zwischen Zivilgesellschaft, Wirtschaft und öffentlicher Hand ist ein wichtiger Faktor, der das Transformationspotenzial fördern oder hemmen kann.

Wie fließen die gewonnenen Erkenntnisse aus den internationalen Städten nun in die Entwicklung von DIY- und Repair-Initiativen in Österreich ein?

Im Rahmen unseres Gesamtprojekts gibt es bereits erste anknüpfende Untersuchungen in Wien. Darin fokussierte man sich auf zwei ausgewählte Wiener Stadtbezirke (Ottakring und Neubau), in denen sich schon kleine Vernetzungen relevanter privatwirtschaftlicher, zivilgesellschaftlicher und intermediärer Akteure des „Repair & Do-It-Yourself Urbanism“ gebildet haben. Deren Potenzial im Hinblick auf die Entwicklung resilienter Stadtteile ist aber bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Unsere internationalen Erfahrungen bilden nun eine wichtige Grundlage dafür, der Repair & DIY-Szene auch in Wien den Rücken zu stärken, Möglichkeiten aufzuzeigen und aus den gewonnen Informationen und Erkenntnissen zu lernen.

Vielen Dank für das Interview.

Mehr Informationen zum Forschungsprojekt "Repair & Do-it-yourself urbanism".

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