© Accade KategorienInterviewKristina Riedl: Nachhaltiger Schmuck Antiker Schmuck gewinnt wieder an Bedeutung. Zu den Expertinnen auf diesem Gebiet zählt Dr. Kristina Riedl, die in ihrem Geschäft "Accade" historische Stücke rettet und aufarbeitet. Im Interview spricht sie über ihre Arbeit und ihren besonderen Zugang zu nachhaltigem Schmuck. Sie sind Schmuckexpertin. Erzählen Sie uns bitte Ihre ganz persönliche Geschichte: Wie kam es dazu? Welchen Bezug haben Sie zu Schmuck? Warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig? Schmuckexpertin Dr. Kristina Riedl von Accade bei der Arbeit© Accade Persönlich habe ich das Interesse für Schmuck erst spät entdeckt. Ich war immer sehr kunstaffin und habe auch Kunstgeschichte studiert, aber erst durch die Arbeit bei einem Kunsthändler habe ich einen Einblick in die Arbeitsweise der Branche bekommen. Ich habe mit Schrecken festgestellt, dass Goldankäufer:innen wunderschöne alte Schmuckstücke einfach zum Einschmelzen bringen. Es ist ihnen völlig egal, wie alt das Schmuckstück ist, wie wertvoll es ist, wie viel Handwerksarbeit enthalten ist oder wie viel Know-how an Goldschmiedearbeit drinnen steckt. Es wird einfach nur auf den Wert des Rohstoffs reduziert und Edelsteine sind den Händler:innen komplett egal. Schmuck ist ein wichtiges Kulturgut und viele Techniken zur Erzeugung und Bearbeitung von Schmuck sind heute schon verloren gegangen, werden nicht mehr unterrichtet. Aus der Beobachtung, dass Schmuck lieblos zerstört wird, ist die Idee entstanden, Accade zu gründen und damit Schmuck vor dem Einschmelzen zu retten. Mein erstes Geschäft war in Mödling unter Arkaden, daraus hat sich der Name „Accade“ entwickelt. Aber eine weitere Bedeutung ist, dass auf Italienisch „accade“ „es passiert, es ereignet sich zufällig“ bedeutet. Und das ist ja immer ein schöner Zufall, wenn ich besondere Schmuckstücke finde. Wie läuft Ihr Arbeitsalltag ab? Ich kaufe Schmuck von einigen Goldankäufer:innen an, zu denen ich ein Vertrauensverhältnis entwickelt habe. Ich sortiere aus dem Vorrat an Schmelzware aus und finde dort wahre Schätze. Der Einkauf erfolgt also nicht über Großhändler, sondern über Goldankäufer:innen meines Vertrauens. Die aufgefundenen Einzelstücke reinige ich, repariere sie selbst oder lasse sie reparieren. Zum Wiederherstellen gehört auch das Bewerten der Schmuckstücke, bevor sie für die Kunden in der Auslage landen. Lange Zeit hatte ich in der Branche ein Alleinstellungsmerkmal, erst seit einigen Jahren entdecken immer mehr Menschen Vintage-Mode und -Schmuck und der Markt dafür ist am Wachsen. Welchen Bezug haben Sie zum Thema Schmuck und Nachhaltigkeit? Wenn es um Edelsteine geht, habe ich gute Kontakte zu einem deutschen Unternehmen, das unter fairen Bedingungen Edelsteine in Sri Lanka abbaut. Das Unternehmen fördert auch Frauen, die das Schleifen der Edelsteine übernehmen. Diamanten sind ein weiteres wichtiges Thema, da gibt es ja mittlerweile synthetisch erzeugte Lab Grown Diamonds, die ein potenzielles Konkurrenzprodukt sind. Allerdings finde ich die maschinelle Herstellung von Diamanten nicht nachhaltig, da diese sehr viel Energie verbraucht und menschliche Arbeit durch Technik ersetzt wird. Auch Perlen sind aus tierethischer Sicht schwierig, ich meine, dass Perlenzucht mit Massentierhaltung vergleichbar ist. Wenn man sieht, wie die Perlen aus den lebenden Muscheln gepresst werden, dann wird einem ganz mulmig. Ebenso bedenklich ist das Ernten von Korallen für Schmuckstücke. Daher sind auch in diesem Bereich neue Schmuckstücke nicht zu empfehlen. Welche Empfehlungen haben Sie, wenn Leser:innen nachhaltigen Schmuck zum Valentinstag schenken wollen? Es ist prinzipiell wichtig, sich als Konsument:in zu informieren. Man kann bei Juwelier:innen oder Goldschmied:innen nachfragen, hinterfragen, wo die Schmuckstücke herkommen und wie sie produziert werden. Da wird man feststellen, dass sich die meisten Schmuckhändler:innen nicht oder nur sehr oberflächlich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen. Aber vielleicht findet man auf dieser Suche auch eine:n Goldschmied:in oder Juwelier:in des Vertrauens, der oder die gut Bescheid weiß und sich um diese Aspekte kümmert. Es gibt mittlerweile auch kleinere Unternehmen, die versuchen, eine Marke für nachhaltigen Schmuck zu kreieren. Diese Unternehmen freuen sich, wenn man den direkten Kontakt mit ihnen als Kund:in sucht und sich für das Thema interessiert. Des Weiteren macht es Sinn, Schmuck aus Privatbesitz zu kaufen, ob bei Antikhändlern oder anderen Institutionen wie dem Dorotheum. Dadurch wird der Schmuck im Kreislauf gehalten. Außerdem kann man ja einmal daheim nachsehen, was bereits im Familienbesitz ist und umgearbeitet oder aufgewertet werden könnte. Also – das Vorhandene gemeinsam mit einem Goldschmied / einer Goldschmiedin upcyceln, etwas Neues daraus machen. Bei neuen Schmuckstücken müssen Kund:innen jedenfalls bereit sein, einen höheren Preis für nachhaltig produzierte Produkte zu bezahlen. Was macht Nachhaltigkeit im Schmucksektor generell aus? In unserer Branche ist Konfliktfreiheit ein wichtiges Thema – also zu vermeiden, über die bezogenen Edelmetalle und Diamanten diktatorische Regimes oder bewaffnete Konflikte zu finanzieren. Auch die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards ist wichtig. Menschen, die in Minen arbeiten, stehen oft in 30 Metern Tiefe bis zum Nabel im Wasser und schürfen den ganzen Tag lang im Finsteren nach Saphiren, Topasen oder Granaten. Und wenn sie nichts finden, gibt es kein Geld. Es gibt mittlerweile internationale Standards und auch internationale Organisationen, die um Verbesserungen in der Branche bemüht sind. Der Kimberley-Prozess zum Beispiel wurde 2002 von der UNO angestoßen, um Konfliktdiamanten in Afrika zu verhindern, über die diktatorische Regime finanziert werden. Auch größere Produzent:innen sind diesem Prozess mittlerweile beigetreten. Doch im Allgemeinen ist es sehr schwierig, bei einem neuen Schmuckstück zu wissen, wie dieses hergestellt wurde. Es gibt kein Label, das direkt am Produkt angebracht ist, daher ist es schwierig, die Lieferketten lückenlos zu verfolgen. Hier muss man wohl die Marke aufmerksam verfolgen und ihre Glaubwürdigkeit genau prüfen. Eine ganz persönliche Frage zum Abschluss: Was würden Sie sich wünschen, was muss passieren, damit die Branche nachhaltiger und transparenter wird? Konsument:innen sollten kritisch hinterfragen und Goldschmied:innen sollten mehr Interesse haben, nachhaltigen Schmuck anzubieten und das Thema ihren Kund:innen näher zu bringen, also in dieser Richtung profunde Beratung anbieten. Aber ich glaube, das ist eine Generationenfrage, die junge Generation interessiert sich dafür viel mehr.Und es gibt Publikumstage bei Schmuckmessen, zum Beispiel in München, wo es eine riesige Halle zu nachhaltigem Schmuck gibt. Da kann man direkt mit den Produzent:innen oder Minenbetreiber:innen sprechen und spannende Vorträge von Expert:innen hören. Über unsere Interview-Partnerin Dr. Kristina Riedl ist Juristin und Schmuckexpertin. 2010 gründete sie Accade, ein Schmuckgeschäft mit Sitz in Gmunden. In ihrer Geschäftstätigkeit beschäftigt sie sich mit antikem Schmuck und Edelsteinen. Insbesondere rettet sie Schmuck vor dem Einschmelzen und stellt ihn wieder repräsentationsfähig her. Außerdem ist sie Expertin für Edelsteine und setzt sich für die nachhaltige Produktion in diesem Bereich ein. Das Interview wurde im Jänner 2026 durchgeführt. teilen teilen teilen E-Mail Was dich noch interessieren könnte Zurück Ratgeber 9 Tipps für einen nachhaltigen Schmuckkauf Wissenswert Nachhaltiger DIY-Schmuck Nachhaltig im Alltag Ein nachhaltiger Valentinstag Wissenswert Nachhaltige Brille: So behältst du den Durchblick Weiter