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KategorienStart-ups aus ÖsterreichKlimafreundlich leben… mit Under the Hours

Interview mit Mona Heiß (Gründerin und CEO des österreichischen Start-ups Under the Hours) über ihr Idee nachhaltigere Lingerie herzustellen, wie innovative Textilien aus Abfällen erzeugt werden können und verführerische "Öko-Mode" der Zukunft.

Liebe Mona, wie bist du auf die Idee gekommen, nachhaltige Unterwäsche zu produzieren? 

Der Ausgangspunkt für die Idee, nachhaltige Unterwäsce herzustellen, war dass ich nie passende BHs in meiner Größe finden konnte. Ich habe gekaufte BHs sehr oft umgenäht und abgeändert. Die Dokumentation „Plastic Planet“ von Werner Boote, die ich in meiner Jugend gesehen habe, hat mich außerdem für die Mikroplastik-Problematik sensibilisiert. Und als ich später erste Einblicke in die Modeindustrie bekommen habe, war ich ziemlich schockiert über die Massen an Überproduktion, den Müll und die schlechten Arbeitsbedingungen – und wollte etwas daran ändern.
Ich kaufe 90% meiner Kleidung Second Hand, trage nur Naturfasern und bin ein großer Fan von Minimalismus und Capsule Wardrobe – und das schon seit über 10 Jahren. (Anm.: man besitzt wenige, dafür essenzielle, zeitlose Kleidungsstücke, die sich gut kombinieren lassen). Nur bei Unterwäsche möchte man natürlich nichts Gebrauchtes kaufen und ich liebe schöne Lingerie. Daher war es für mich eine ganz natürliche Entwicklung, mich irgendwann genauer damit zu beschäftigen.

Welche Naturmaterialien verwendest du und was sind deren Besonderheiten bzw. Vorteile?

Ich arbeite mit Bio Seide, Peace Silk, Tencel und Modal. Die Vorteile sehe ich vor allem darin, dass die Stoffe atmungsaktiv, sehr weich, leicht und hautverträglich sind. Außerdem sind sie – anders als synthetische Fasern – biologisch abbaubar. Derzeit arbeite ich an einer Kollektion aus Zellulosefaserstoffen, die aus Lebensmittelabfällen wie Milch, Bananen oder Orangen hergestellt werden. Das ist natürlich insbesondere interessant, weil damit Ressourcen genutzt werden, die sonst im Müll landen würden. So wird ein Schritt in Richtung Kreislaufwirtschaft ermöglicht.

Wie kann aus Lebensmittelabfällen Stoff hergestellt werden und ist die Technologie bereits im Einsatz?

Der Herstellungsprozess dieser Stoffe ist vergleichbar mit dem von Tencel oder Viskose. Es gibt die Stoffe bei einigen wenigen Herstellern, aber sie werden aktuell kaum eingesetzt. Ich habe bisher nur einen britischen Brautmodenhersteller entdeckt, der sie bereits nutzt. Ich hoffe, dass zukünftig mehrere große Marken auf Upcycling-Materialen umsteigen – das würde auch die Forschung voranbringen und bewirken, dass mehr nachhaltige Materialien von Materialherstellern entwickelt werden.

Gibt es abgesehen von den Materialien in Punkto Nachhaltigkeit noch andere Aspekte, die dir wichtig sind?

Unsere großen Ziele bei „Under the hours“ sind im Sinne der Sustainable Development Goals „Geschlechtergleichheit“, „Leben unter Wasser“ und „Nachhaltiger Konsum und Produktion“.

  • Geschlechtergleichheit: 80% der Beschäftigten in der Lieferkette der Modeindustrie sind Frauen – sie sind am stärksten von schlechten Arbeitsbedingungen betroffen. Um vulnerable Gruppen zu schützen, ist es besonders wichtig, bei Materialhersteller:innen genau nachzufragen und soweit es eben geht die Arbeitsbedingungen in der Lieferkette zu überprüfen. Das können Modehersteller:innen machen, aber auch Kund:nnen. Mein Aufruf: Werdet ruhig aktiv, seid neugierig und fragt nach!
  • Leben unter Wasser: Pro Waschgang einer Waschmaschine voller Polyesterkleidung werden 700.000 Fasern Mikroplastik freigesetzt, die ins Meer und somit auch in die Nahrungskette des Menschen gelangen. Mikroplastik, genauso wie umweltschädliche Farben und Chemikalien, halten wir für sehr bedenklich und versuchen, diese weitgehend zu vermeiden, wo sie sich vermeiden lassen. Daher kaufen wir am liebsten GOTS– und Ökotex-zertifizierte Materialien für unsere Kollektionen ein.
  • „Nachhaltiger Konsum und Produktion: Laut „Fashion Revolution“ haben sich die Produktionszahlen von Bekleidung zwischen 2000 und 2020 verdoppelt, zugleich behält eine durchschnittliche europäische Person ihre Kleidung nur mehr halb so lang. Wenn man als Endverbraucher:in also ein Kleidungsstück doppelt so oft tragen würde, bevor man es entsorgt, wären die Treibhausgasemissionen pro Kleidungsstück im Durchschnitt um 44% niedriger. Da sehe ich sowohl Kund:innen als auch Herstellerinnen in der Verantwortung, langlebige Kleidung zu entwerfen und sich nicht von schnellen Trends mitreißen zu lassen. Daher versuchen wir bei uns im Atelier auch im Kleinen unseren Werten treu zu bleiben. Wir betreiben unser Atelier mit Öko-Strom, hosten unsere Webseite auf einem klimaneutralen Server und achten bei Verpackung und Versand auf Nachhaltigkeit.

An welchen Maßnahme arbeitest du gerade?

Für die Zukunft träumen wir von einer Kollektion gefärbt mit Naturfarben und genäht mit biologisch abbaubaren Gummibändern. An den Gummibändern scheitert es derzeit leider noch, aber wir hoffen, dass die Industrie bald nachzieht und wir unseren Traum in die Tat umsetzen können.

Du hast „Under the hours“ 2022 offiziell gegründet, arbeitest aber schon rund 2,5 Jahren an deiner Start-Up-Idee. Mit welchen Herausforderungen hattest du bisher zu tun?

Herausforderungen gab es tatsächlich viele, jeden Tag aufs Neue. Insbesondere in einem Impact Start-up merkt man nach einer Weile, dass Nachhaltigkeit ein sehr komplexes Thema ist und man es wahrscheinlich nicht von Anfang an perfekt machen kann. Das ist ernüchternd. Aber es ist trotzdem wichtig, dass es junge Unternehmer und Unternehmerinnen gibt, die sich für eine bessere Welt einsetzen. Oft setzt man sich auch ein Ziel, macht sich einen Zeitplan und merkt dann schnell, dass alles viel länger dauert als geplant. In einem Start-up kommt es immer anders als man denkt, man kann oft nicht einmal bis in die nächste Woche planen. Aber das ist es auch, was das Unternehmerinnenleben so spannend macht.

Apropos Unternehmerinnen: Kannst du den den Eindruck bestätigen, dass Frauen in der Start-up-Szene noch immer unterrepräsentiert sind bzw. wie gehst du als Gründerin damit um?

Ja, leider ist es für mich sehr deutlich, dass Frauen in der Start-up-Szene nachwievor unterrepräsentiert sind. Es passiert mir relativ oft, dass ich bei Meetings, Events oder Workshops die einzige Frau im Raum bin. Ich spreche das Thema sehr häufig an und gerate in lebhafte Diskussionen, sowohl mit Organisator:innen als auch mit anderen Gründer:innen. Ich sehe aber, dass viele junge Gründer durchaus an einem diversen Team interessiert sind und weibliche Co-Founderinnen suchen. 

Hast du Tipps für Konsument:innen, worauf sie bei Kauf und Pflege von Unterwäsche achten sollten?

Ich würde empfehlen, Unterwäsche schonend auf niedriger Temperatur und mit niedriger Schleuderzahl zu waschen. Weiße und rote Lingerie sollte nach Farben getrennt werden. Insbesondere im Sommer ist es wichtig, BHs regelmäßig zu waschen, da der Schweiß sonst die Fasern angreift und die BHs schneller ihre Form verlieren. Mehr Tipps findet ihr im Blog-Beitrag von Under The Hours.

Ein Blick ins Jahr 2040: Was ist deine Vision für nachhaltige Mode in der Zukunft?

Nach dem Motto „buy less, buy better“ träume ich von einem bewussteren Umgang mit Kleidung – losgelöst von kurzlebigen Trends, Fast Fashion und Überproduktion. Ich wünsche mir zeitlose, langlebige und hochwertige Mode, die der Trägerin und auch der Umwelt guttut. Ideal wäre ein Closed Loop System, in dem alle Ressourcen so gestaltet sind, dass sie nach der Nutzung einen neuen Zweck finden.Viele Kund:innen denken außerdem immer noch, Fair Fashion sieht immer nach „öko“ aus oder ist nur in langweiligen Farben erhältlich. Es wird Zeit, dieses Vorurteil auszuräumen. Nachhaltigkeit kann auch verführerisch sein!

Danke für das Interview und weiterhin viel Erfolg!

Mehr Informationen gibt’s auf der Website von Under the Hours.
Übrigens: Mona ist mit ihrem Start-up auch unter den TOP-10 von greenstart 2022, dem grünen Start-up Programm des österreichischen Klima- und Energiefonds.

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