Initiative: Lebensmittel sind kostbar

Food Waste - Von der Esskultur zur Wegwerfgesellschaft

Essen ist Genuss. Täglich verbringen wir mehrere Stunden damit, Lebensmittel einzukaufen, sie zuzubereiten und zu essen. Der Verzehr von Lebensmitteln ist dabei mehr als ein physiologisches menschliches Bedürfnis.

Was wir essen und wie wir essen hängt stark mit unserer Kultur und Religion aber auch mit sozio-demografischen Hintergründen zusammen: Welche finanziellen und zeitlichen Ressourcen stehen uns zur Verfügung? Schätzen wir die Geselligkeit beim Essen? Beeinflussen mich meine moralischen Wertvorstellungen bei der Wahl meines Essens?

Heutzutage müssen wir diese Fragen jedoch erweitern: Es geht nicht nur darum „Was und wie wir essen" sondern auch darum was wir nicht essen. Denn viele Lebensmittel landen als sogenannter „Food Waste" im Abfall. Dies betrifft sowohl gewerbliche Lebensmittel als auch Lebensmittel aus privaten Hauhalten.

In Österreich landen im Jahr ca. 96.000 Tonnen genießbare Lebensmittel in den Abfalleimern. Bei bewussterem Umgang mit Lebensmitteln könnten pro Haushalt jährlich ca. 300.- € gespart werden.

Einer der Hauptgründe für den hohen Anteil an Lebensmittelabfällen ist die konsumorientierte Haltung unserer Gesellschaft. So wie Gebrauchtwaren nach kurzer Zeit durch neuere, modernere Produkte ersetzt werden, so spontan und unüberlegt tätigen wir die Lebensmitteleinkäufe. Ein beachtlicher Anteil dieser Lebensmittel wandert nach kürzester Zeit in den Mistkübel, wenngleich das Produkt noch in gutem Zustand war bzw. es genießbar gewesen wäre, hätten wir es rechtzeitig gegessen. Unsere Haltung hat dabei auch Auswirkungen auf gewerbliche Lebensmittel.

Food Waste aus Handel, Gastronomie und Lebensmittelverarbeitung

Food Waste aus dem Haushalt

Food Waste und ökologische Folgen

Taste the Waste - die globale Lebensmittelverschwendung Lebensmittel umverteilen - Die Wiener Tafel

Lebensmittel sind kostbar!

„Rückblick der Woche" oder „Best of Kühlschrank"

Food Waste aus Handel, Gastronomie und Lebensmittelverarbeitung

In der westlichen Gesellschaft haben wir uns daran gewöhnt, dass Essen im Überfluss vorhanden ist. Selbst kurz vor Ladenschluss sind die Regale der Bäckerei mit einem großen Sortiment befüllt und auch am Gemüsestand ist ein reichhaltiges Angebot zu finden. Zehn Minuten nach Ladenschluss werden jedoch viele der Lebensmittel zu Abfall: Am nächsten Tag können sie nicht mehr verkauft werden. Die KundInnen wünschen sich frisches Brot und kaufen kein Obst oder Gemüse dessen Oberfläche schon Druckstellen oder leichte Runzeln aufweist. Produkte, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist, sind zwar im Normalfall noch mehrere Tage genießbar, sie dürfen vom Handel jedoch nicht mehr verkauft werden.

So landen in Österreich große Mengen gewerblicher Lebensmittel im Abfall. Weitere Gründe für die Entsorgung der Lebensmittel aus Handel und Gastronomie sind Überproduktion, Fehletikettierungen, Transportbeschädigungen und Sortimentswechsel. Beispiele hierfür lassen sich aus einer Untersuchung des Instituts für Abfallwirtschaft der Universität für Bodenkultur zum Lebensmittelabfall im Handel ableiten: So können Lebensmittel, die für einen bestimmten Anlass - z.B. Feiertage wie Weihnachten und Ostern - produziert worden sind, im Nachhinein nicht mehr abgesetzt werden. Diese Saisonartikel werden direkt entsorgt.

Vielfach werden Produkte weggeworfen, weil einzelne Stücke verdorben oder beschädigt sind - hierzu zählen Eierpackungen, in denen einzelnen Eier zu Bruch gegangen sind oder Gemüse- und Obstpackungen, in denen einzelne Stücke geplatzt oder verdorben sind.

Entsorgt werden vom Handel auch Produkte, deren Verpackung beschädigt ist bzw. Vakuumverpackungen, die durch eine leichte Beschädigung Luft gezogen haben und Waren, die zu Bruch gegangen sind (z.B. Schokoladen). Auch Restbestände aus vorhergehenden Lieferungen oder Produkte, die beispielsweise nur im 4er-Pack verkauft werden, landen im Abfall.

Andere Waren werden bereits entsorgt, bevor sie im Supermarkt eintreffen. Sie gelangen in die Entsorgung, da die Zeitspanne des Mindesthaltbarkeitsdatums für die Logistik zwischen produzierendem Betrieb und Handelsbetrieb nicht ausreichend lang ist. Da der Handel in diesem Fall die Waren - z.B. Tiefkühlkost - nicht übernimmt, werden diese von den Produzenten bereits vor dem Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums entsorgt.

Food Waste aus dem Haushalt

Lebensmittelabfälle fallen jedoch auch in großen Mengen im Haushalt an. In Österreich sind das durchschnittlich 10-20 kg Lebensmittel pro Person und Jahr. In Städten wie Wien ist diese Zahl weit größer und kann bis zu 40 kg betragen.

Lebensmittelabfälle aus dem Haushalt können in folgende Kategorien eingeteilt werden:

  • Zubereitungsreste, die beim Putzen und Schneiden von Obst, Gemüse und Fleisch anfallen
  • Speisereste, wie Tellerreste nach der Mahlzeit und nicht gegessene Butterbrote
  • Originale Lebensmittel, die nicht angebrochen sind (z.B. ganzer Apfel) bzw. deren Verpackung nicht geöffnet worden ist (z.B. ein ungeöffnetes Joghurt)
  • Angebrochene Lebensmittel, wie halbvolle Packungen oder angeschnittene Lebensmittel (z.B. ein halber Laib Brot)

Food Waste und ökologische Folgen

Felicitas Schneider vom Institut für Abfallwirtschaft der Universität für Bodenkultur Wien erläutert im Interview, welche ökologischen Folgen durch Lebensmittelabfälle entstehen. In Österreich werden die Lebensmittelabfälle, die im Restmüll landen, entweder einer mechanisch biologischen Anlage zugeführt oder einer Restmüllverbrennungsanlage. Abfälle, die im Rahmen der Bioabfallsammlung  getrennt gesammelt werden, gelangen entweder in die Kompostieranlage oder die Biogasanlage. Diese Maßnahmen sind seit einigen Jahren in Österreich gesetzlich vorgeschrieben. In anderen Ländern ist das noch nicht immer der Fall. Unbehandelt deponierte Lebensmittel werden durch Mikroorganismen abgebaut. Durch die in einer Deponie herrschenden Bedingungen - das heißt unter Luftabschluss und starker Komprimierung - entsteht das Klimagas Methan. Dieses Treibhausgas wirkt bei der Erderwärmung 25-mal stärker als Kohlendioxid.

Ökologische Folgen entstehen jedoch nicht nur bei der Beseitigung von Lebensmitteln, sondern in besonderem Maße auch bei deren Produktion. Lebensmittel sind eine sehr energie- und ressourcenintensive Produktgruppe: So ist die Landwirtschaft für mehr als ein Drittel der Treibhausgase verantwortlich und der Anbau der Lebensmittel verbraucht Energie und Dünger. Weltweit kommt es in vielen Ländern zur Wasserknappheit und Zerstörung von Regenwäldern zugunsten der intensiven Landwirtschaft. Energie und Ressourcen werden sowohl für die Herstellung, wie auch für die Verarbeitung, Lagerung und Logistik eingesetzt. Viele der Lebensmittel, die bei uns in den Supermarktregalen und potenziell im Abfall landen, stammen nicht aus der heimischen Produktion sondern haben weite Transportstrecken zurückgelegt. Dieser Aufwand muss bei der Betrachtung der ökologischen Folgen von Lebensmittelabfällen mit betrachtet werden.

Taste the Waste - die globale Lebensmittelverschwendung

Im September 2011 kommt der Film „Taste the Waste" in die Kinos. Der Dokumentarfilm von Valentin Thurn trägt im Deutschen den Titel „Frisch auf den Müll. Die globale Lebensmittelverschwendung" und thematisiert anschaulich welche Ausmaße die Verschwendung von Lebensmitteln auf globaler Ebene gefunden hat. Der Film wirft Fragen auf und findet Antworten bei BäuerInnen, Supermarkt-DirektorInnen, MüllarbeiterInnen und KöchInnen in Deutschland, Österreich, Japan, Frankreich, Kamerun, Italien und den Vereinigten Staaten. Er berichtet über Menschen, die sich mit der Lebensmittelverschwendung auseinandersetzen und Alternativen anbieten. Ein eindrucksvoller Dokumentarfilm, den jeder gesehen haben sollte.

Lebensmittel umverteilen - Die Wiener Tafel

Gewerbliche Lebensmittel landen oftmals im Abfall obwohl sie genießbar sind. Diesem puren Überfluss an Lebensmittel stehen auch in Österreich Menschen entgegen, die unter der Armutsgrenze leben und denen es an Lebensmitteln mangelt.

Die Wiener Tafel versucht eine Brücke zwischen diesem Überfluss und Mangel zu schlagen und setzt sich seit Jahren dafür ein, genießbare Lebensmittel vor ihrer anstehenden Vernichtung zu bewahren und an bedürftige Menschen umzuverteilen. Die Wiener Tafel - der Verein für sozialen Transfer - ist ein spendenfinanzierter Verein, der seit beinahe 12 Jahren mit seinen Lieferfahrzeugen täglich bis zu 3 Tonnen überschüssige Lebensmittel vom Handel, der Industrie und der Landwirtschaft  einsammelt, die nicht mehr für den Verkauf bestimmt sind und daher vernichtet würden.

Diese Produkte werden der Wiener Tafel unentgeltlich überlassen und von insgesamt 220 ehrenamtlichen MitarbeiterInnen der Wiener Tafel unverzüglich und kostenfrei an rund 80 soziale Einrichtungen Wiens verteilt.
Dort werden die dringend benötigen "Über-Lebensmittel" an ca. 9.000 armutsbetroffene Menschen weitergegeben. Die Wiener Tafel hilft durch ihre soziale Transferarbeit die Umwelt sowie Ressourcen zu schonen und Müllberge zu vermeiden. Unternehmen sparen dadurch Geld für die teure Entsorgung und Bedürftige erhalten kostenlos einwandfreie Lebensmittel. Daraus entsteht eine Win-Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

Lebensmittel sind kostbar!

Mit der Initiative ruft das Lebensministerium Vertreter aus den Bereichen Landwirtschaft, Gewerbe/Industrie, Gastronomie, Handel, Sozialmärkte, Bildungseinrichtungen und Abfallwirtschaft dazu auf, Maßnahmen zu setzen, die das Abfallaufkommen nachhaltig und langfristig reduzieren.

Betriebe, die sich an der Initiative beteiligen, dürfen die neue Marke "Lebensmittel sind kostbar" (siehe Bild) des Lebensministeriums führen. Die Marke wurde eigens für die Initiative entworfen und steht symbolisch für Abfallvermeidung und gegen Lebensmittelverschwendung.

Die Wort-Bild-Marke kann von allen Akteuren gegen Unterzeichnung einer Nutzungsvereinbarung kostenlos verwendet und in eigene Informationsunterlagen integriert werden. Nähere Informationen dazu finden Sie auf der Hompage des Lebensministeriums.

„Rückblick der Woche" oder „Best of Kühlschrank"

Wer kennt das nicht: Beim Einkaufen stoßen wir auf gut klingenden Sonderangebote oder Vorratspackungen, die schnell gekauft, dann aber doch nicht verzehrt werden. Oder wir haben keine Lust mehrmals die Woche frische Lebensmittel einkaufen zu gehen und stopfen unseren Kühlschrank mit Hamsterkäufen zu. Nach zwei Wochen findet sich das abgelaufene Joghurt im hintersten Eck wieder und landet in hohem Bogen im Mistkübel. Schade um die 70 Cent, aber eigentlich ist es uns egal.

Durch eine gute Planung beim Einkauf und Kochen können große Mengen an Lebensmittelabfällen vermieden und dadurch - auf das Jahr gerechnet - viel Geld gespart werden.

Wir haben Ihnen einige Tipps zusammengestellt, wie Sie Lebensmittelverschwendung - Food Waste vermeiden und dabei Geld sparen:

  1. Bevor Sie einkaufen gehen, kochen Sie das wunderbare Rezept „Best of Kühlschrank". Lebensmittel die Sie auf den ersten Blick nicht miteinander kombinieren würden, passen durch die richtige Zubereitung und passende Gewürze oftmals besser zusammen als gedacht. Versuchen Sie einmal in der Woche Ihren Kühlschrank zu leeren, bevor Sie zum erneuten Hamsterkauf ansetzen.

  2. Als weiteres schmackhaftes Rezept empfehlen wir „Rückblick der Woche": Die übrig gebliebenen Nudeln vom Vortag lassen sich wunderbar mit den Gemüseresten vom Mittagessen zu einem Auflauf herrichten.

  3. Schreiben Sie sich für den nächsten Einkauf einen Einkaufzettel und bemühen Sie sich keine zusätzlichen Produkte zu kaufen. Sonderangebote dürfen Sie einfach ignorieren. Denn noch schonender für Ihr Portemonnaie als Sonderangebote sind Produkte, die Sie im Laden stehen lassen.

  4. Schauen Sie auf das Haltbarkeitsdatum der Produkte in Ihrem Kühlschrank: läuft etwas bald ab, sollten Sie es für die nächste Mahlzeit einplanen. Das Haltbarkeitsdatum ist als Garantie zu verstehen. Auch wenn das Datum überschritten wurde, ist es in vielen Fällen noch genießbar.

  5. Achten Sie darauf, dass Sie die Lebensmittel richtig lagern: Nach dem Frühstück gehören das Brot in den Papiersack oder die Brotdose und der Käse wieder in den Kühlschrank. Er ist am besten im oberen Bereich des Kühlschranks bei 8°C-5°C aufgehoben. Die kälteste Zone des Kühlschrankes ist jene oberhalb des Gemüsefaches (2°C), in der verderbliche Waren wie Fleisch aufgehoben werden sollten. Das Gemüsefach ist mit ca. 10°C besonders für Salat, Obst und Gemüse geeignet.

  6. Schimmelpilze, Bakterien und Lebensmittelmotten haben keine Chance sich auszubreiten, wenn Sie Ihren Kühlschrank und die Vorratsschränke regelmäßig reinigen.

  7. Achten Sie darauf, dass Sie Äpfel und Paradeiser nicht neben anderem Gemüse und Obst lagern. Sie scheiden nämlich besonders viel Ethylen aus, das die Reifung und den Verderb von gemeinsam gelagerten Produkten beschleunigt. Besonders empfindlich reagieren Bananen, Avocados, Melonen, Kiwis, Pfirsiche, Gurken und Kohlgemüse.

Weitere Tipps und Rezeptideen rund ums "Restl verwerten" finden Sie unter www.lebensmittel-sind-kostbar.at

Quellen:

  • Schneider (2009): Lebensmittel im Abfall - mehr als eine technische Herausforderung. In: Online-Fachzeitschrift des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft. Jahrgang 2009

  • Obersteiner, Gudrun; Schneider, Felicitas (2006): NÖ Restmüllananlyse 2005 / 2006. Studie im Auftrag des NÖ Abfallwirtschaftsvereins, unterstützt vom Amt der Landesregierung und der ARGEV.

  • Ökobüro (2010): Alles essen, oder was? Bewusster Umgang mit Lebensmitteln als Thema in der außerschulischen Jugendarbeit. Praxisleitfaden. Wien.

Weiterführende Links

  • Frisch auf den Müll. Die globale Lebensmittelverschwendung - Ein Film von Valentin Thurn (HD, 88 Minuten ⁄ Berlinale 2011 ⁄ Kinostart nach der Sommerpause) - Presseheft zum Film

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Leserkommentare (1)

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Blümel
29.08.2011 / 08:14

Wann kommt "Taste the Waste" in Österreich in die Kinos?

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